Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22./23. April 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. Ostern 1957
22.IV.
Mein geliebter Freund!
Pünktlich wie immer kam Dein lieber Gruß, und der Himmel brachte uns den schönsten Sonnenschein – trotzdem fehlte mir etwas – nämlich: eine kurze Auskunft über Dein Befinden, und den Verlauf der ärztlichen Verordnung! – Es ist wohl recht anspruchsvoll, denn Dein lieber Brief war ja vom 16.; aber meine eignen Erfahrungen waren um den Karfreitag herum so mißlich, daß ich unwillkürlich bei der lächerlichen Gleichzeitigkeit unsrer Schwierigkeiten mit Besorgnis an Dich dachte. –
Bei mir waren die Tage durch Besorgungen in der Stadt mehr ausgefüllt, als mir lieb war, und die Zwischenzeit mußte ich benutzen, und die Ermüdung ausschlafen. Auf dringende Nötigung von Hedwig Mathy brachte ich einige Kaffeestunden bei ihrer Schwester und deren
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| Tochter mit ihr zu, da sie sonst zu mir hätte kommen sollen! Dafür hat sie nun zugesagt, morgen, Dienstag vormittags mit mir hier auf dem Speicher etwas aus dem Koffer zu holen.
Der Ostersonntag wurde durch Singen des Kapellenchors in allen Stockwerken sehr hübsch eingeleitet, aber dann setzte sich das Singen recht störend während des Kaffeetrinkens fort – – überhaupt ist es eben recht ungemütlich und das neue Personal noch ungewandt. – – Eine neue Mitbewohnerin, die nicht gut sehen kann, setzt an unserm Tisch durch ihre Ansprüche ihre Umgebung in Alarm, und meine umfangreiche Nachbarin hatte keine Batterie in ihrem Hörapparat, sodaß ich völlig isoliert war – kurz die viele Warterei im Eßsaal [unter der Zeile] feiertags um ½ 9, um ½ 12, um
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| 17½ [über der Zeile] ½ 6 p.m. war sehr wenig schön. – Nur mit meinem Gegenüber: Frl. Schumann hat sich ein ganz Nettes Einverständnis angebahnt.
Da ist immer die Zuflucht in das eigne Zimmer tröstlich. Und da war der Sonntag Nachmittag ganz wundervoll mit Deiner Schrift in dem Heft "Für die deutsche Heimat". (Wer ist denn dieser 80jährige Max Hartmann?) So in alle Einzelheit konnte ich mich gestern hineinversenken, aus eignem beseelten Erleben. Und diese Welt in der Mark und am Neckar ist für mich ja immer auch gemeinsam mit Dir! –
—  Hoffentlich hast Du bei diesem kalten Südwind heute keinen leichtsinnigen Ausflug unternommen! Ich bin eine gute Halbstunde auf der Straße an den Obstgärten entlang gewankt, mit möglichst "guter Haltung". Denn diese neue Mitbewohnerin fällt mir durch ihre ostentative Hilfsbedürftigkeit sehr auf die Nerven – und die kritische Gereiztheit ist dann wieder: Mangel an christlicher Nächstenliebe
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| in diesem Heim der evangelischen Mission!!
Kurz Dein schöner Aufsatz über Natur- und Heimatpflege ist mir eine sehr notwendige Kraftquelle, zu der ich täglich zurückkehren werde. –
Außerdem würde ich mich auch so gern mal eingehender mit der Photographie Deiner Plastik beschäftigen. Gibt es da nicht auch eine Ansicht von vorn? –
Für den Genuß der schönen Abendbeleuchtung ist auch die beste Jahreszeit vorbei. Die Sonne ist schon im Begriff, hinter den Giebeln der Nachbarhäuser ihre schönen Farben auf die Wolken zu malen. – Wo steht das von der Sonne Homers? Bitte, hilf meinem versagenden Gedächtnis!
Allerlei Ostergrüße bekam ich. So von Renate Klauser, die mich am 2. Mai besuchen will. Das Heft von "Bücherei und Bildung", das [über der Zeile] Du mir schicktest, kann ich der Schwester Ute erst weiter senden, wenn ich von Renate die Adresse erfahre. Dir danke
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| ich vielmals für die Zusendung!

Am 23. April.   Heut vormittag also hat Hedwig mir geholfen, die Koffer auf dem allgemeinen Speicher zu öffnen und Stoff heraus zu nehmen, den ich nötig gebrauche. Da war nicht alles mehr bei den Sachen, die ich zum Aufheben hingab, es fehlte ein Bettstück und von den beiden Stichen nach Claude Lorrain (im großen schwarzen Rahmen) fehlte eins. Auch so ein Widerspruch in dieser Christlichkeit – oder ist es Gütergemeinschaft? Ich nehme es aber nicht tragisch.
Ich hoffte vielmehr recht bald über diese Zeit der Depression fort zu sein, die wohl umso rascher vorbei sein wird, wenn ich Gutes von Deinem Befinden hören werde. – Ist es nun wieder recht behaglich im eignen Heim? Ist Ida wieder mehr bei Kräften und wie hast Du Dich über Deine Beteiligung an der
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| Universität entschieden? Mangel an einer Wirkung in Deinem Geiste fehlt Dir auch im Umgang mit den Menschen nicht, die Dich suchen, ohne amtliche Verpflichtung.
Ich war von der Arbeit mit Hedwig so erschöpft, daß ich von der Nachmittagsruhe zu meinem Erstaunen erst um ½ 5 aufwachte. Wir hatten im Rosengarten gegessen!
Aber ich will doch wenigstens diesen so ungenügenden Brief abschicken, zum Zeichen meines beständigen Gedenkens und dem innigen Dank für die echte Osterfreude, die mir Dein gedruckter Gruß brachte.
Viele Grüße und gute Wünsche an alle, und ganz besonders an Dich von
Deiner
Käthe.