Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Mai 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Mai 1957.
Mein geliebter Freund!
Inzwischen wird mein recht dürftiger Brief an Susanne angekommen sein, und hier bei mir kam ein umso lieberer von Dir, der mich innig erfreute. Vorige Woche war nun der Muttertag, und Du wirst wissen, was da meine Gedanken ganz besonders bewegte! Aber zur Mitteilung komme ich fast garnicht mehr! Es ist aber auch hier immer so viel ärgerliche Mißstimmung, und ich fühle mich nur richtig wohl in meinem stillen Zimmer mit dem Blick in den Abendhimmel – licht oder wolkig!
Heut war von früh an Regenwetter. Bei dem üblichen "Rund"gang, diesmal durch die
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| angrenzenden Straßen, um den aufgeweichten Weg der Eckener Straße zu vermeiden, hatte ich das Glück mit leichtem Sprühregen davon zu kommen. Überhaupt habe ich persönlich garkeinen Grund zur Klage, nur ist dies ganze Haus nicht geeignet: Ohren und Gemüt vor "Lärm" zu schützen. Noch peinlicher aber empfinde ich das dauernde Versagen der geistigen Konzentration. Zweierlei war der Anstoß zu meinen Brief an Susanne: erstlich der Dank für die gesandte Drucksache, die mich ganz besonders interessierte, weil sie mir zum erstenmal eine Art Bild von dem Gatten der Diotima Hölderlin's gab. Und zweitens hattest Du mich an Susanne gewiesen,
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| weil ich mir die Photographie von Deiner Büste wünschte, mindestens eine von rechts, die mir am ähnlichsten erschien. [über der Zeile] 3. Beides ist meiner Erinnerung nach überhaupt nicht erwähnt! Aber so ist es bei mir schon länger, und wie ich fürchte, in steigendem Maße; ich habe nur ein Bewußtsein vom gegenwärtigen Moment – alles gleitet vorüber, wie die Bilder auf der Filmleinwand. Nur im Innern ist ein Dauerndes, und darin lebe ich.
Von außen hatten wir gestern hier einen bunten Abend, der allerlei Aufführungen von den "Haustöchtern" brachte als Vorfeier vom Geburtstag des Herrn Binder's, des "Hausvaters". Es war lustig und zum Teil mit schauspielerischer Begabung, auch gesanglich: Chor und Kanon sehr gelungen. Von der Hausgemeinschaft
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| war schon zu einem Geschenk gesammelt worden, (Beitrag ganz freiwillig, Höhe beliebig) und die Initiative ging von zwei Stellen aus, die sich zunächst befeindeten!, aber dann doch zusammenschlossen. – Auf der Straße traf ich mit Frl. Jäckel zusammen, die sich sehr energisch gegen die Sammlung aussprach, und wir gerieten uns ziemlich darüber in die Haare, auch ihre Besorgnis, daß wir einem Weltuntergang entgegentreiben, reizte mich, denn gerade die sogenannten "Frommen" zeigen immer die größte Angst dem Schicksal gegenüber und ich erklärte ihr, dann kämen wir ja in den verheißenen Himmel! Das erschien ihr aber als Ironie!! Denn sie will doch dort ein Extraplätzchen! Sie betrachtet
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| diesen Untergang nur als das Strafgericht für die "Andern". – Hier auf Erden ist sie leider allgemein unbeliebt.
Hast Du den Kometen gesehen? Man mußte ihn förmlich suchen, so kümmerlich war er; ich habe ihm zweimal aufgelauert, weil ich glaubte, er würde sichtbarer werden. Aber die beiden Himmelsvagabunden, die ich früher sah, waren bedeutender.
Bei solchen Dingen fühle ich so besonders meine Naturverbundenheit, die mein Vater weckte, und die sich verbunden hat mit dem Gefühl der Geborgenheit in Gottes Hand, die mir auch den Atombomben gegenüber nicht versagt und die mir Kraft gibt im Kampf; denn das Altwerden
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| ist Selbstüberwindung ohne Ende – bis zum Ende. Aber glücklich wenn eine ganz große Liebe im Herzen die Kraft dazu gibt.
Dienstag, d. 28. Mai hat mich Renate Klauser zum Kaffee eingeladen, damit ich ihre neue Wohnung kennen lerne. Das wird vermutlich ein sehr ästhetischer Eindruck sein. Sie hat viel Schick. Und am Freitag d. 24. hoffe ich auf Hedwig M. – Von Héraucourts sehe ich nur etwas, wenn ich hingehe! aber am 26. werden wir uns wahrscheinlich zum Mittagessen an der Ecke ihres Häuserblocks im Gasthaus treffen. Das ist natürlich ein willkommener Anlaß, den Lärm hier zu vermeiden.
Von allerlei Gedrucktem, das ich für Dich ausschnitt, weil es gerade so gut paßte, finde ich im Augenblick nur diesen Zettel, alles andre habe ich wieder untergebuttert und der Brief [unter der Zeile] x <li. Rand> x muß doch morgen früh in den Kasten. Verzeih seine vielen <Kopf> Mängel, ich würde es gern besser machen, aber <Fuß S. 5> x es ist oft wie ein Stottern der Feder! Richte, bitte, <li. Rand S. 5> auch an Susanne aus, was meinem Brief neulich fehlte und <Kopf S. 5> grüße sie und Ida herzlich.
Deine Käthe.