Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29./30. Mai 1957 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 29. [unter der Zeile] /30. Mai 1957.
Mein geliebter Freund!
Den farbenreichen Untergang des Sonnenballs habe ich nur im Spiegel der Nachbarfenster der Bachstraßenhäuser gesehen und jetzt will ich doch versuchen, noch ein wenig zu schreiben, wenn ich auch sehr schlafmüde bin. Ich bin es nicht allein, die darüber klagt, es tut das eigentlich jeder. – Aber ich habe Dir doch für zweierlei zu danken: Gestern kam Dein lieber Brief und dann auch noch Hedwig M. mit dem hilfreichen Geld. Da hatte ich gehofft, bei Eurer Durchreise die 20 M mehr, die Du jetzt dauernd mehr sendest, zurückgeben zu können, denn sie sind nicht notwendig. Ich bin ja so ausreichend versorgt, wie bisher, und es wäre unrecht, mehr zu verbrauchen. Es ist auch dazu garkeine Gelegenheit! Recht betrübt hattest Du mich durch die Beschwerde wegen der Weinsorte!! Daß ich nicht stillen
[2]
| Widerstand zu leisten pflege, könntest Du doch eigentlich wissen, und wirst ja nun auch aus dem Brief an Susanne entnommen haben, daß ich die mir angenehme Gewohnheit sofort aufgab und – entbehrte, ohne mir Rat für Ersatz zu wissen. Du hast die Lücke aus der Ferne, wie stets, ausgefüllt, und der Ersatz war höchst wohlschmeckend, aber anscheinend für meine Aufnahmefähigkeit zu gehaltvoll, denn er wirkte auf mich wie s. Z. der gute Bodenseewein [über der Zeile] "beschwingend" auf dem Wege bei Litzelstetten; und nun er zuende ist, setze ich meine Hoffnung auf eine Erleuchtung durch das verheißene Wiedersehen und Deinen Rat! Ob Du wohl die Beziehung des Wohlwitzes zu uns verstanden hast? und den klassischen Humor von Fritz Reuter in dem roten Heftchen, der durch die schöne Kapsel von der bewußten Weinflasche unterstrichen sein sollte? Erinnerst Du Dich noch an den Geheimratsverein?!! der sich durch Naturreinheit auszeichnete?
[3]
|

Ich schreibe jetzt am Himmelfahrtstage weiter, während ich Euch auf der Reise unterwegs weiß. Bei uns ist wundervoller Sonnenschein und hoffentlich auch bei Euch, und er hebt Dir Befinden und Stimmung auch wieder so fühlbar wie mir! Barometerstand ist so stabil, daß diese Besserung wohl nicht auf hier = uns beschränkt bleibt.
Wegen der Bilder, d. h. der Abzüge von der Photographie Deiner Büste hatte ich damals im Augenblick nicht um ein Exemplar gebeten, weil mir keine der 2 Aufnahmen genügte. Aber später dachte ich, es erscheint Dir vielleicht interesselos, und überhaupt meinte ich, man könne vielleicht noch etwas heraussehen, durch eingehende Betrachtung und da bat ich um den Abzug von rechts, der für mich am Mundwinkel einen lebendigen Zug zu haben schien. Es ist mir aber, wie es scheint, nicht beschieden, und entscheidend ist in mir jetzt die stille Hoffnung, Dich persönlich einmal wieder sehen
[4]
| und sprechen zu können. Das besteht natürlich eigentlich im hören! Denn es ist ja immer nur der tiefe Einfluß Deines Wesens auf mich, der in mir ein unerschütterliches Selbst geweckt hat. –  –
Von dem Bild in der Zeitschrift Christ und Welt gaben mir hier 2 Mitinsassen ein Exemplar, daß ich mich mit Entsetzen abwandte und recht besorgt war, es könne Dir recht schlecht gehen. Aber ich bekam dann noch 2 andere Abzüge, die wesentlich besser gedruckt waren und die mich wieder beruhigten. Aber die "Aufnahme" ist an sich nicht gut und es wäre so schön, wenn Du wirklich herkommen könntest, wo Du immer eine verständnisvolle und innige Aufnahme findest, bei Deiner
dankbaren, Dich mit vielen guten Wünschen grüßenden
Käthe,

die noch viel zu schreiben hätte, aber Dir das Geschmier nicht zumuten will.