Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Juni 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Juni 57.
Mein geliebter Freund!
Am 20. habe ich Dich noch in die Elektrische steigen sehen, aber winken konnte ich Dir nicht mehr. Gleich darauf kam der nächste Wagen, und natürlich wäre ich gern hinter Dir hergefahren, um doch zu sehen, ob Du zur Abfahrt des Zuges recht kamst. Aber die Drohung, daß es Dich beunruhigen würde, hielt mich natürlich zurück, und so nahm ich die Unruhe für mich mit nach Haus! Und bis jetzt weiß ich nicht, wie Dir die Strapaze dieses Reisetages bekommen ist. Es war hier ja eine unerhört drückende Luft und wir sind ja nun mal recht empfindlich dafür. Trotzdem war ich im Herzen nur dankbar und
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| glücklich und nach überstandenem "Abend"-essen um 17½ setzte ich mich in den bequemen Lehnstuhl, schlief ein und wurde im Dunkeln zwischen 11 und 12 Uhr sehr friedlich wach!
Seitdem ist hier das Klima noch immer dasselbe. Schon um mittag beginnt es meist zu donnern, aber es gibt doch immer Stunden, in denen man ausgehen kann, und da mußte ich gestern den Carossa in die Handschuhheimer Leihstelle bringen u. dergl. – Abends gibt es dann wieder endloses Blitzen und kübelweise Regengüsse. Ein wenig abgekühlt hat es sich doch jetzt endlich, die elektrischen Entladungen steigerten sich auch abends bis zu drei Blitzen etc. in der Minute. Ganz allgemein kommt man zu der Ansicht, daß es "noch nie" sowar.
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| Trotz bester Vorsätze mache ich manche Dummheit. So habe ich an Fronleichnam einen von meinen besten Handschuhen verloren. Gestern ließ ich im Laden beim Bezahlen den Regenschirm stehen, holte ihn aber heute heil ab. Im Haus lege ich wichtige Dinge möglichst sorgfältig weg und muß dann wieder lange danach suchen – kurz, ich bin oft sehr unzufrieden mit mir. Sage mir doch mal ehrlich, hast Du dies geistige Versagen recht an mir bemerkt? Hier wird mir immer versichert, es wäre nicht mehr als bei allen Menschen jetzt, aber ich fürchte, das ist nur aus Rücksicht. Ich tröste mich so gern mit dem Gedanken, daß es vorläufig noch nicht so ist, daß es die Andern merken! – Ich aber merke es leider sehr. Die Müdigkeit ist überwältigend. Aber da ist
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| nicht Schonung förderlich, sondern tapfere Überwindung – mit Maßen! So hoffe ich doch in jeder Beziehung noch ein erträgliches Gleichgewicht zu bewahren – auch körperlich!
Sehr viel sind meine Gedanken bei allem, was Du mir erzähltest, besonders auch bei dem Plan für den Geist der Gewerbeschule. Ich glaube, daß ich den bei meiner Art Arbeit zu spüren bekam – die Freude am Gelingen, nicht leider den Erwerb. – – – – –
Die Dunkelheit kommt und es regnet unaufhörlich, also gehe ich nur zu dem nachbarlichen Briefkasten und hoffe, daß trotzdem am Montag morgens der Gruß bei Dir ist! Grüße und gute Wünsche für alle. In treuem Gedenken
immer
Deine
Käthe.

[li. Rand] Und nochmal tausend Dank für den Besuch!