Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Juni 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Juni 57.
Mein geliebter Freund!
Die Tage sind bei drückender Schwüle und jetzt bei 22°R im Zimmer in halber Benommenheit vergangen, aber die Gedanken waren doch immer lebhaft bei Dir. Jetzt danke ich Dir ganz besonders für die liebe Karte vom 28. abends mit dem ausführlichen Überblick über die Ereignisse. Hier erreichbar war mir davon ein Vortrag von Wenke, der mich durch seine echte Wärme ansprach und eine ungenannte Sendung am 27. abends, vielleicht von Bähr? Außerdem Zeitungsausschnitte mit Bildern: Christ u. Welt, Mannheim, Heidelberg. u.s.w. – Ganz unerwartet kam es dann
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| am 27.! Da erschien unmittelbar nach Tisch eine mir fremde Frau mit einem großen Rosenstrauß und den letzten Grüßen von ihrer Tochter Lotte Reinhard. Sie berichtete in großer Aufregung von der Erkrankung der Tochter, die in der Nervenklinik in Freiburg gestorben ist. Obgleich sie 2 Stunden unaufhörlich redete, habe ich kein klares Bild der Sache erhalten, aber ich war halb betäubt, als sie ging, und die Rosen blieben mir in ihrer Schönheit ein schmerzlicher Anblick.
Umso schöner sind nun aber die wundervollen roten Rosen, die an der Pforte für mich abgegeben wurden –  – mit einem Briefchen von Fleurop: i. A. Dr. H. Bähr Tübingen! –
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| Wie soll ich mir das zusammen reimen?x [li. Rand] x kam er hier durch, ohne daß ich ihn sehen konnte? Ist das Kind wieder gesund? <Kopf> und wohin kann ich meinen Dank richten? Galten die schönen Blumen eigentlich Dir? Ich hatte geplant, Dir welche, d. h. wirklich solche zu schicken, aber dann schien mirs im Drange der Ereignisse recht ungeeignet und es fehlte mir auch dann der Elan bei dem drückenden Wetter! Jetzt fliegt bei jedem Blick auf die dunkelroten Blüten, die sich immer voller entfalten ein Gruß zu Dir; und als ich abends unter einer blühenden Linde vorbeikam, gedachte ich an die Bahnfahrt durch die sommerliche Mark zu Deinem 50.!
So dreht sich, wie Du weißt, die Weltgeschichte bei mir um Dich und die Erinnerung an Dein Elternhaus in der Friedrichsstraße mutete mich in der Rede am 27. so altbekannt an!
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Jetzt aber soll dieser Zettel in den Kasten und Dich daheim wieder begrüßen. Aber eigentlich wünsche ich sehr, Ihr möchtet Euch eine Ruhepause in guter Wald- u. Bergluft gönnen nach all den freudigen Strapazen. Später komme ich wohl dann auch mal wieder an die Reihe, wie Du mir schon im vorigen Brief verheißen hast. Aber schriftlich will ich Dir nicht auch noch Mühe machen, nur meine innigen Grüße und Wünsche zu lesen, wird Dich wohl nicht anstrengen.
Und so fortan
Deine
Käthe.