Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. August 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20.VIII.57.
Mein geliebter Freund!
Deine liebe, inhaltreiche Karte vom 16. war mir eine große Freude und sie war mir zugleich Antwort auf manche stille Frage, die ja auch teilweise schon in meinem gleichzeitigen Zettel zum Ausdruck kam, der Dir den Brief von Frl. Hohenadel zurückbrachte. Nur der Regenguß auf dem Wege von Stallegg will mir garnicht gefallen, und ich wünsche nur sehr, daß er keine Erkältungsfolgen hatte! Von einer Wetterbesserung wird bei Euch ebenso wenig zu merken sein wie bei uns. Es scheint eine Art Landregen zu werden, mit wenigen Sonnenblicken dazwischen. In den Pausen konnte ich noch täglich einen mehr oder weniger angenehmen Ausgang auf schwankenden Stelzen wagen, wie üblich im Häuserwinkel, und auch zweimal "in die Stadt" mit der Elektrischen. – Vorgestern bot mir ein Frl. Schulze ihre Begleitung an ins
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| Freie am Ende unsrer Zeppelinstraße, wo es mir gut gefiel, aber die Anpassung an eine fremde Gangart und Unterhaltung dabei ist mir sehr anstrengend. Das erinnert mich an den Tag mit Frau Meinecke s. Z., die mir als besonders lebhaft sprechend in Erinnerung ist. Ich erfahre aber nun wohl durch ihren Besuch bei Euch, ob Hanna Virchow noch auf Erden ist? Schriftlich ist sie mir ganz entschwunden, weil ich keine Antwort mehr bekam auf letzte Kartengrüße.
Heute nun weiß ich nicht, wohin ich diesen Gruß eigentlich senden sollte? Unsichtbar erreicht er Dich vermutlich, aber jedenfalls gibst Du ja in Lenzkirch auch die Weitersendungsadresse an. Als vermutliche Abreise bezeichnetest Du d. 23.
Mir ist hier in einem Schutzkarton der dicke Band "Das Kind und die Schule" in die Hand gefallen, und da habe ich Deine Einführung über "Die Hauptströmungen der Pädagogik vom Altertum bis zur Gegenwart" mit einer Spannung gelesen, die mich ganz überraschte. Ich merkte recht daran,
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| wie mir durch Dich die lebendige Strönung des Lebens überhaupt erst fühlbar geworden ist. Meine Schulzeit war eine recht zerstückelte, und die Erweckung kam mir nicht von da. Die kam nur in der Confirmationszeit bei Scholz.
Du siehst, geliebter Freund, wie verwirrt meine Feder ist, und so will ich lieber das Papier ins Couvert stecken und den täglichen Weg mit dem Regenschirm antreten. In der Stille meines Zimmers lebe ich ebenso von neuem durch Erfahrung vertieft in Deinem Büchlein von 1947: Die Magie der Seele. Es ist unerschöpflich.
Und so habe Dank für die liebe Karte und – überhaupt. Ich hoffe, daß Eure Tage dort doch noch durch möglichste Ruhe etwas nützlich sein können. Ich für meine Person könnte zu jeder Stunde vor Müdigkeit einschlafen!
Vermutlich ist Ida jetzt wieder zu Haus. Die Adresse wollte mir nicht einleuchten. War das ein Dorf? oder Pension bei St. Märgen?
Für heut nur noch viele herzliche Grüße!
Wie immer
Deine
Käthe.