Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25./26. August 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.8.57.
Mein geliebter Freund!
Du hast mich durch den lieben Brief vom 22. so innig erfreut, daß ich gern sofort geantwortet hätte, aber immer kam was dazwischen und auch heute ist es spät geworden, und das Haus ist schon still und geschlossen – der Abendhimmel war grotesk und man kann der Witterung nicht viel zutrauen, so bin ich recht froh, Euch wieder zuhause zu wissen. Während es zunächst [über der Zeile] hier am 23. schien, als wollte es sich zum Besseren wenden. Daß zunächst noch nicht alles zu Eurer gewohnten Hausordnung bereit sein wird, tut mir um Susannes willen leid, denn das bringt ihr gewiß allerlei Mühe. Sorgt nur alle Beide dafür, die anfängliche gute Lenzkircher Erholung zu konservieren, denn nicht nur die Schwarzwaldlandschaft wurde melancholisch, sondern die ganze Welt sieht so aus und man braucht alle Spannkraft, dem
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| zu widerstehen. Jeder Blick in die Zeitung sagt Abscheuliches, und davon ist die drohende Atombombe noch nicht das Schlimmste, sondern die epidemisch anwachsende Immoralität.
Da war die Festschrift ein sehr tröstliches Gegengewicht. Ich kam dazwischen auch [über der Zeile] zurück auf die von 1942, in der mir damals der Beitrag von Arnold Bork so besonders gefallen hatte. Es war so, als ob er die Lebenswahrheit seiner Schilderung an Dir erfahren und geschildert hätte! —

26.8. Daneben suche ich mich mit den Photographien der Büste besser anzufreunden, und danke Dir auch, daß ich die Bilderchen von der Feier in Stuttgart behalten darf. Der Brief von Frl. H. an Susanne wird gleichzeitig mit der Reklame angekommen sein.
Nun will ich diesen angefangenen Brief doch fortsetzen und abschicken, damit Du siehst, daß der Wille wohl gut war, aber keine Kraft zur Tat. – Jetzt habe ich nun gerade die Röntgenreihenuntersuchung hinter mir, vor der ich mich
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| gern gedrückt hätte. Denn ich bin nicht im geringsten verdächtig, und ich fürchtete nur den Umstand des Hinweges und das Warten in der Masse. Ich war, im Gedanken an gewisse Ermahnungen "nicht geizig" sondern fuhr das Stück bis hinter die Tiefburg, wo gleich an der Ecke die Schule liegt, in der die Untersuchung stattfindet. Die Leute standen schon bis vor die Tür, als ich kam, es war aber lauter geduldiges Publikum, und die Herde bewegte sich in guter Ordnung die Treppe hinauf. Auf dem Absatz traf ich dann die Schwester Marie-Luise, die hier in der Krankenabteilung herrscht, und sie half mir zu rascher Erledigung. Um 4 Uhr war ich, wieder per Elektrische wieder zu Haus und stärkte meine etwas schaukelnden Nerven mit richtigem Kaffee. Was eigentlich vorging: Plattenaufnahme oder nur Kontrolle auf einem Schirm konnte ich nicht beobachten. Aber ich bin erleichtert, daß es vorbei ist, denn es ist nun mal so, daß alles Ungewohnte mich aufregt. Nur eine Freude beschwingt. Und die war Dein lieber Brief, den ich noch eingehend beantworten möchte.
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Heut will ich nur dieses kümmerliche Schriftstück abschicken, damit doch von allem Deingedenken ein Zeichen zu Dir kommt.
Trotz der unzuverlässigen Witterung wünsche ich Euch ein gutes Wohlbefinden und grüße herzlich.
Immer
Deine Käthe.