Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. August 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29. August 1957.
19h
Mein geliebter Freund!
Nach dem sogenannten Abendessen um 6 Uhr will ich rasch noch ein Briefchen schreiben zum Gruß zum 31.VIII., dem Tage unsrer ersten Begegnung! Eigentlich sollte dafür schon ein sichtbares Andenken kommen, aber es war mir nicht möglich es einzupacken, es ging mir allerlei verquer, trotz des gebesserten Wetters fühlte ich mich nicht auf der Höhe! Ist vielleicht ein zu großer Anspruch in meinen Jahren!!
Aber auf meinem Tisch stehen wunderschöne Astern, die Lieblingsblume meines Vaters, dessen Geburtstag mit unserm Gedenktag zusammenfällt. Ich bekam sie unerwartet geschenkt, und sie erfreuen mich.
Der Sonnenuntergang war wie ein feuriges Drama, die zerrissenen Wolken drohten wie Ungeheuer die Sonne zu verschlingen. Es scheint mir, daß Du jetzt auch zu der Meinung kommst,
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| der überhebliche Mensch pfusche jetzt dem lieben Gott recht anmaßlich ins Handwerk und störe der guten Mutter Erde fühlbar den lang erprobten Stoffwechsel. Denn Du schreibst ja bei der Abreise von Lenzkirch auch zweifelhaft von der Beschaffenheit der Luft.
Möge nun der Aufenthalt in Tübingen recht ungestört und geruhsam sein! Ida und ihre Schwester sind ja nun hoffentlich auch und recht erholt zurück. Mit herzlichem Gruß an alle gedenke ich wie immer besonders an Dich.
Hast Du in Lenzkirch blühende Herbstzeitlosen gesehen? Ich konnte die Wiese im Siebenmühlental nicht aufsuchen, wo ich sie immer fand. Das ist jetzt auch unerreichbar.
In stetem Gedenken
Deine
Käthe.