Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. August 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. August 57.
Mein geliebter Freund!
Gestern brachte mir Hedwig M. schon die Summe für den September, die Du offenbar schon geschickt hattest, als ich sie gern abwehren wollte. Habe Dank, aber laß Dich auch mal von mir überzeugen, daß sie nicht jeden Monat mehr nötig ist, ich habe immer Vorrat und gehe so furchtbar ungern in einen Laden – besonders für Anzugsachen, da ich selten etwas für meine Kleinheit Passendes finde. Aber gestern half mir Hedwig zu einem Paar Strümpfe, die mir bequem sind.
Und heut schicke ich Dir ein Büchlein, das s. Z. meine ständige Begleitung in der Handtasche war. Ich schrieb es ab aus einem Schriftstück von Dir, das irgendwo sorgsam aufgehoben ruht – entweder in dem Kasten mit Deinen Briefen auf der Bank oder denen hier im Sekretär, oder in dem Holzkasten, der Dir geschickt wurde. Es ist sehr traurig, daß ich all die behüteten Kostbarkeiten immer schwieriger unterbringen konnte bei der ständigen Verringerung des Wohnraums; und ich hätte sie doch so gern in greifbarer Nähe!
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Inzwischen bin ich von der Geschichte der Schule zu der "Magie der Seele" übergegangen und merke Ergriffenheit gemerkt, wie sehr ich mein Christentum mit Deiner Führung wieder zur Gewißheit gewonnen habe. Das geschah schon damals, als Du auf meine Zweifel, ob ich noch "dazu gehöre" – einfach antwortetest: wir leben doch in einer christlichen Kultur! Seitdem habe ich begriffen, daß man die Worte des Dogmas auch zeitgemäß deuten kann, denn die Führung Gottes habe ich immer lebendig gefühlt in unsrer Gemeinsamkeit. Und so hoffe ich dieses letzte Stück des Weges auch noch zu bestehen in Dankbarkeit und zeitloser Gewißheit der Verbundenheit unsres Lebens.
Das Büchlein wird leider wohl nicht mehr morgen zu Dir kommen können. Frl. Dr. Cl.-Ahles unterbrach meine Absicht zu schreiben. Aber ein sichtbarer Gruß wird wohl schon heute ankommen, und mein treues Gedenken ist Dir sicher bewußt.
Mit herzlichen Grüßen an Susanne, die hoffentlich jetzt wieder die nötige Hilfe im Hause hat, und auch Gruß an diese, bleibe ich voll Dankbarkeit immer
Deine
Käthe.

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|<Beilage, wie im 2. Absatz erwähnt, sowie von ES im Brief vom 9.9.57 bestätigt>
– Es war mein Bestreben die Philosophie zurückzuführen zu dem wovon sie ausging, zur religiösen Gemütsverfassung. –   – Aber das ist nur ein unendlich kleiner Ausschnitt aus der gewaltigen Sphäre unseres Lebensbewußtseins. Worin besteht das Ganze? Es besteht in dem bewußten Leben dieses Lebens selbst, in der glutwarmen Hingabe an das Maß von Intensität und Inhaltlichkeit, das sich im fortschreitenden Prozeß des Daseins offenbart. –
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– – Welch unendlicher Gewinn nun, wenn man auf solchem Wege gemeinsam lernt, zu leben. Denn das Leben ist nicht nur rätselhaft, sondern grausam und hart, wie es auch lustvoll emporwogt. Die Qual der Einsamkeit, die vernichtet, wird nur in Zeiten gegenseitigen Erschließens überwunden; man ist dem andern dankbar, weil man selbst an ihm wächst und stärker wird. –
–  –  –  – Wir leben in einer Täuschung, wenn wir meinen, gemeinsam philosophiert zu haben. Wir haben
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| zusammen gelebt und das ist mehr. Was an objektiven Schöpfungen daraus hervorging, ist eine sekundäre Frage. Wir werden es niemals ergründen, welche Umwälzungen in unsern Tiefen vorgingen. Es ist da, es lebt, es wirkt; wer wüßte mehr? –  –
– Wird unsre Welt unwahr dadurch, daß andre eine andre haben?
– wir sind Menschen, keine reinen Geister, deshalb haben wir eine Geschichte. Möge die Erinnerung an sie durch helle und dunkle
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| Tage strahlen; es ist eine Stimme in meiner Seele, daß wir auf unsrer Wanderung nichts Köstlicheres finden werden.
1904/5   E. S.