Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. September 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 9. Sept. 1957.
Mein geliebter Freund!
Dein Briefkärtchen von 6.9. hat mir so herzliche Freude gebracht, denn es war mir völlig überraschend, denn ich bin immer nur im Bewußtsein meines schreiben-Wollens und nicht Könnens. Ganz besonders aber freute mich noch, daß Du meinst, das Wetter sei normaler geworden und fiele weniger auf die Nerven. Hoffentlich blieb es so geblieben bei Euch. Hier, im Heidelberger Klima habe ich nichts davon gemerkt, wenigstens nur auf Stunden. Und auch den Rundfunk vom 22./23.8. habe ich nicht erwischt. Hier soll Köln schlecht zu hören sein, und niemand hatte ein Programm, auf dem man es feststellen konnte. – Stattdessen schickte mir K. Silber den Sonderdruck ihres Beitrags zu Deiner Festschrift, den ich in dem großen Band, den Du mir schenktest, natürlich schon las. Ich glaube, überhaupt jeden Beitrag darin gelesen zu haben, und jede Tönung des Echos darin innerlich
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| mitempfunden zu haben. Es hat mir viele einsame Stunden verklärt. Und mir erwuchs ja nicht dabei eine erdrückende Last der Dankesschuld!
Es tut mir nur leid, daß Frl. Silber nicht auf ihrem Rückweg über Heidelberg kam. Ist sie nicht mehr in Graubünden gewesen? Ich hätte sie so gern wiedergesehen. –
Bei Dir sind der Besucher wohl oft leider zuviel. Bei mir hat sich nach manch mißglückter Planung jetzt meine Schwester Aenne mit Mann, für den 25. Oktober, vom Bodensee kommend [über der Zeile] angesagt. Es hatte mit der Vertretung immer nicht klappen wollen. Sie gedenken hin per Luftschiff zu fahren, bis Stuttgart, dann Bahn, und dann auf dem Rückweg hier 3 Tage zu bleiben. Das ist mir eine liebe Aussicht, denn unsre Aenne ist mir getreu.
Was hat der Augenarzt in Eßlingen gesagt? Deiner Schrift sieht man ein schlechteres Sehen nicht an, aber wahrscheinlich hast Du zunehmend Mühe dabei. – Ist eigentlich die frühere Fahrt zur "Schafschur" nicht mehr üblich. Héraucourt's
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| erkundigen sich immer sehr nach Dir und tragen mir Grüße auf. Hanne kommt getreu zu mir und will mir auch am nächsten Mittwoch helfen, was einkaufen. Die Mutter hat (vermutlich durch verkehrte Einlagen im Schuh) einen geschwollenen Fuß. –
Jetzt hörte ich so gern von Dir mal, was Du für Urteile über Deine Büste bekommst? Hast Du sie an Ort u. Stelle gesehen? Ist sie günstig beleuchtet? Mich stören auf der Photographie die grellen Linien auf der Stirn. – Der Bildhauer war Dir im Verkehr unterhaltend und scheint in Verkehr zu bleiben? Stein, aus Bern, ist mir durch gelegentliche Erwähnung ein Begriff, aber Pretzel? will sich mir nicht mehr einordnen.
Mit Frau Tierock ist wohl die Lage recht trübe. Habt Ihr eigentlich jetzt Telephon? Das wäre wohl in solcher Notlage eine wirkliche Hilfe.
Bei uns hier geht der Betrieb schlecht und recht weiter. Bei der Bombenhitze lief das Wasser warm durch die Heizungsröhren, aber jetzt schon lange nicht mehr. Ich bin durch meine Fensterlage nach Südosten aber gut dran.
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| Auch die menschliche Wärme scheint sich etwas anzubahnen. Freundlich und gefällig ist der Verkehr immer.
Du fragst nach Rösel Hecht. Die war mal kurz bei mir, aber ich bin nicht mehr recht beweglich meinerseits die Leute aufzusuchen.
Umso unterhaltend[] er ist mirs den wechselnden Himmel zu beobachten, der hier viel von Düsenjägern durchfurcht wird. In wieweit all diese menschlichen Einmischungen in die Natur schädlich wirken, werden wir ja offiziell nicht erfahren. Jedenfalls hat mich das offene Wort von Albert Schweitzer sehr erfreut. Es wäre mir wertvoll, wenn Ihr Euch begegnen könntet, aber die Autoreise wäre sicher sehr anstrengend. Ich bin für mich froh, daß Ruge's nicht mit ihrem Auto kommen! Für mich ist die schofele Elektrische geeigneter! –
Jetzt ist bald 6 [über der Zeile] 18 Uhr, Abendbrot!! und rasch vorher wird der Briefkasten abgeholt. Also sei innig gegrüßt, und grüße "alle" von mir, besonders Susanne. Mit viel guten Wünschen
Deine
Käthe.