Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16. September 1957 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Spt. 1957
Mein geliebter Freund!
Diesmal wurde mir der Weg zum Wahllokal, (das dasselbe war, wie bei der Röntgenaufnahme) erspart, und in großer Geschwindigkeit und dem Beistand von 3 Herren war der Wahlakt erledigt. Aber ich habe auch vorher das Menschenmögliche getan, mir davon Gewißheit zu verschaffen. So verlief die Sache durch die freundliche Vermittlung vom "Hausvater" Herrn Binder in meinem Zimmer mit Eiltempo, und ich kann jetzt überzeugt sein, daß meine Stimme rechtmäßig dabei ist!!
Im übrigen aber fühle ich mich oft recht wenig wohl, und denke dann auch mit Besorgnis an Dich, da wir ja leider auch in den Alters
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|mängeln unsrer Konstitution merkwürdig übereinstimmen! Schieben wir dies nur einfach auf die Störungen der Atmosphäre durch Bomben und Düsenjäger und hoffen, daß die energische Abwehr von Albert Schweitzer und den Wissenschaftlern endlich helfen möge. Wie würde ich mich freuen über eine persönliche Begegnung für Dich und ihn!
Für mich wirkst Du dauernd mit Deinen lieben Briefen und immer neu mit den alten Schriften belebend. Alles, wonach ich greife, enthüllt mir neue Tiefen, und ich glaube sie erst durch die Erfahrungen des langen Lebens richtig zu verstehen. Wie wohltuend und bestätigend berührte mich, was Du von der inneren Christuserfahrung
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| schreibst, für die bei mir der "alte Scholz" den Grund gelegt hat, und die mich über den Gott in der Natur und dem Menschenleben zur erlösenden Liebe und Selbstüberwindung führte – zur Hoffnung auf Seelenfrieden.
Daß auch stets die offiziell theologische Frömmigkeit mich hier im Hause abstößt, muß ich täglich über mich ergehen lassen, aber es gibt auch Töne echter Überzeugung dabei, und daran halte ich mich.
Aber Du merkst, wie schwach meine Geisteskräfte heute ausreichen, und ich will Dir nur noch sagen, wie tröstlich mir ist, daß Du doch zwischen der endlosen Dankesschuld eine unabhängige eigne Lebensäußerung einschieben könntest. Und ich grüße Dich mit vielen innigen Wünschen und Dank. Auch den "andern" herzliche Grüße!
Wie immer
Deine
Käthe.