Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Dezember 1957 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 3.XII.57
Mein geliebter Freund!
Es ist mir entschieden ein Bedürfnis, Dir endlich wieder mal selbst zu schreiben, denn wenn auch die getreuen hiesigen Freunde Dir vom täglichen Ablauf der Existenz berichten, so geht mir doch so mancherlei durch den Kopf, wovon ich Dir gern erzählen würde. So habe ich mich mal wieder auf den grünen Lehnstuhl gesetzt, in die braune Decke gewickelt (erinnerst Du Dich noch an das Kamel?) und erwärmt durch einen Neskaffee, so wird es hoffentlich auch gehen! Es ist nun mal so, daß die Kräfte garzu langsam wieder ingang kommen wollen, Und es ist garkein Trost, daß das in meinem Alter besonders der Fall sein wird. Recht unbequem ist mirs, daß auch die Augen empfindlich sind und viel weh tun, denn gute Lektüre kann die Zeit schneller vergehen lassen. Mit dem Leben Schillers von Joh. Scherr bin ich jetzt, nach allen Fährnissen, in Jena gelandet und bin
[2]
| von der Darstellung sehr bewegt. Wie nüchtern war doch s. Z. der Bericht, den man in der Schule von all den Kämpfen erzählt bekam. Oder muß man überhaupt erst aus eigner Lebenserfahrung das Nötige ergänzen können?!
Sehr gern würde ich nun auch mal wieder von dem Fortschritt Deiner Erfahrung mit den Seminaristen hören. Mit lebhaften Gedanken bin ich Donnerstags immer dabei.
Hier geht es still und stetig weiter. Mal meine ich: über den Berg zu sein, dann ist mir wieder recht miserabel. Wenn H. M. jetzt die Schwester als Logiergast bekommt, wird [über der Zeile] zu mir Hanne Héraucourt recht oft kommen. Sie und ihre Mutter haben ja auch eben die Grippe überwunden. Sonst bin ich meist allein und Frau Christmann sorgt getreu fürs Nötige an Hilfe. Leider macht sich die Sonne recht rar, und man vermißt ihr wohltuendes Licht. – Doch jetzt ist nur noch Platz für allerherzlichste Grüße und Wünsche für Euch alle, Gesunde und Kranke! Mit den besten Vorsätzen, in Geduld Deine Käthe.