Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Februar 1960 (Tübingen)


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Tübingen, den 24.II.60.
Meine geliebte Freundin!
Zu Deinem 88. Geburtstag finde ich mich mit vielen herzlichen Glückwünschen ein. Dabei werden alle lieben Erinnerungen wieder wach – von 1903–1960. Das ist eine lange Zeit. Es konnte nicht immer eine gute Zeit sein. Aber von Dir habe ich nur Liebes erfahren. Und dafür danke ich Dir, heute wie jeden Tag.
In jedem Einzelleben bleibt ein Kern unverwandelt, und
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| auf den kommt es eigentlich an. Der Stoff, den man zu bewältigen hat, ist in jedem Lebensalter ein anderer. Er wird nicht einmal mit den Jahren leichter Aber das Göttliche, dem wir näherzukommen ringen, bleibt ewig unverwandelt. Das ist es auch allein, was wir einander aus unsren Tiefen geben können. Und wiederum liegt hier der Dank, den ich Dir sagen möchte.
Wir sind am Samstag aus Alpirsbach, wo wir Susannes Geburtstag gefeiert haben, etwas erschöpft zurückgekommen. Der Februar war
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| nie ein guter Monat für mich. Die Schneeblendung hat meinen Augen nicht gut getan. Am 26.II. will ich wieder einmal zu meinem Augenarzt nach Eßlingen. Von seiner Auskunft hängt es ab, wie bald ich nach Heidelberg kommen kann. Ich habe großes Verlangen danach.
Susanne ist, während ich dies schreibe, in einer Aufführung des Ödipus durch unsre Gymnasiasten. Ich bin nicht mitgegangen, weil ich mich schonen muß. Auch deswegen brauche ich Ruhe, weil ich morgen in unsrem Mädchengymnasium 650 Schülerinnen etwas aus meinem
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| Leben erzählen soll. Selbst so etwas fällt mir jetzt schwer.
Ich bitte Dich, Frl. Mathy, Frl. Héraucourt und andere, die mir von Deinen Geburtstagsbesuchern bekannt sind, herzlich zu grüßen. Auch die hilfreichen Schwestern Marie Luise und Bertha und Frau Christmann. Susanne und Ida schließen sich meinen Glückwünschen an.
AEI
Dein
Eduard