pictura paedagogica online Pädagogisches Wissen in Bildern
Zeigen und Bildung.
Das Bild als Medium der Unterrichtung seit der frühen Neuzeit

1. Workshop der Reihe "Pictura Paedagogica Online: Pädagogisches Wissen in Bildern"
Berlin, Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF, 30. bis 31. Oktober 2014

Programm

30. Oktober 2014
10:15 Sabine Reh Bilder und Wissen - "Bilder als Quellen der Erziehungsgeschichte."
Die Fortsetzung eines Anfangs.
10:30 Hiram Kümper "Weil die Figuren und gemachte Bilder einem Dinge näher kommen als die Wörter":
Bilder als Vermittler von Geschichte in der frühen Neuzeit.
11:15 Kaffeepause
11:30 Markus Meumann Die Welt in einer Nuß. Mnemonische Geschichtsvermittlung in Bild und Text um 1700.
12:15 Kristina Hartfiel Gedenckwürdigkeiten des 18. Jahrhunderts. Bildlichkeit in einem "historischen Bilder=Buch" aus Nürnberg.
13:00 Mittagspause
14:00 Andreas Josef Vater "Ich hab hierinnen auch gemeidet all Figur / Die Räthsel=mässig ist / daß alles bleibe pur / Und bey dem eignen Wort." Rebusfiguren als Mittel der Sprach- und Bibelerlernung in der Frühen Neuzeit.
14:45 Kerstin te Heesen Das illustrierte Flugblatt als Wissensmedium der Frühen Neuzeit. Zeigestrategien und Aneignungspotenzial eines zweikanaligen Kommunikationssystems.
15:30 Kaffeepause
16:00 Christoph Schindler Bildmaterialien und digitale Forschungswerkzeuge −
Virtuelle Forschungsumgebung Semantic CorA
Im Anschluss Führung durch die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung
19:00 Abendveranstaltung

31. Oktober 2014
9:00 Dirk Suckow Das kleine ABC der Exklusion. "Zigeunerbilder" in Buchstabier- und Lesebüchern um 1800.
9:45 Kerrin Klinger und Michael Markert "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" Was zeigen Lehrmittel zu Baum und Frucht?
10:30 Kaffeepause
10:45 Peter Menck Orbis rerum − ad usum delphini. Die Welt in Bildern – Dargestellt zum Zwecke des Unterrichts.
11:30 Walter Müller "FORMEN DER IKONISIERUNG DES SCHULWISSENS."
12:30 Mittagspause
13:30 Katrin Stöcker SCHULWANDBILDER ALS VERMITTLUNGSMEDIEN. Vermittlungswissen im Kontext des ersten Anschauungsunterrichts des 19. Jahrhunderts.
14:15 Jacques Dane und Tijs van Ruiten Reformpädagoge Jan Ligthart und Schulillustrator Cornelis Jetses. Der Erfolg des Schulwandbildes im niederländischen Sachunterricht (1905-1970).
15:00 Kaffeepause
15:15 Sabina Brändli "Regarding the Pain of Others": Zum Bildeinsatz im geschichtsdidaktischen Diskurs des 20. und 21. Jahrhunderts.
16:00 Silke Körber Unterhalten und Informieren: Visualisierungsstrategien im populären illustrierten Sachbuch im 20. Jahrhundert (anhand des Wirkens deutschsprachiger Verleger im Exil in Großbritannien und in den USA).















Abstracts


Sabina Brändli
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"Regarding the Pain of Others":
Zum Bildeinsatz im geschichtsdidaktischen Diskurs des 20. und 21. Jahrhunderts.

Welche Funktion können Bilder des Schreckens heute im historischen Lernen übernehmen?
Der Beitrag unterzieht die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts einer Bestandsaufnahme. Zunächst spürt er die Hoffnungen auf, die im 20. Jahrhundert auf den Einsatz des Bildes gesetzt wurden. Dazu werden Absichtserklärungen und Aufrufe von Pädagogen, Geschichtswissenschaftlern und Geschichtsdidaktikern untersucht, die sich in Lehrerzeitschriften zu dieser Frage äußern. Unter die Lupe genommen werden dabei insbesondere Texte, die Bildern nicht nur die Funktion der Veranschaulichung im Sinne einer effizienteren Informationsverarbeitung zuschreiben, sondern überdies den Anspruch erheben, durch diese die Schülerinnen und Schüler emotional für moralische Botschaften empfänglich zu machen. Im Zentrum steht dabei nicht die Heroisierung, nicht das Vorbild, dem es nachzueifern gilt, sondern im Gegenteil die Abschreckung, das "Nie wieder": Wann und wie wird im untersuchten geschichtsdidaktischen Diskurs die Idee aufgenommen, dass Bilder mit aufklärerischem und/oder parteiergreifendem Impetus als Appell zum Hinschauen und Erschauern genutzt werden sollen? Diese Überlegungen werden mit den Illustrationskonzepten verglichen, die in Geschichtslehrmitteln realisiert wurden. Welche Bilder von Leid und Schrecken wurden in Lehrmitteln aufgenommen? Wie sind diese Bilder durch Layout, Bildlegenden, Autoren- und Quellentexte sowie Arbeitsaufträge gerahmt und im thematischen Kontext sowie im geschichtsdidaktischen Gesamtkonzept verortet? Welche Funktionen nehmen die Bilder des Schreckens ein? Im Sinne von Fallanalysen können bei einzelnen Lehrmitteln auch Akten aus dem Produktionsprozess beigezogen werden, um die Kontroversen über den Einsatz von Bildern des Grauens zu rekonstruieren, die dem fertigen Produkt vorangegangen waren. Besondere Beachtung gilt schließlich der Genese des Methodenlernens: Wann und wie werden Schülerinnen und Schüler aufgefordert, das Bild des Schreckens nicht nur auf sich wirken zu lassen, sondern auch dieses Bild nach verschiedenen Gesichtspunkten z zu befragen, zu analysieren und zu kontextualisieren?
Ausgangspunkt des Beitrags ist die Ernüchterung gegenüber dem naiven Glauben an die kathartische Wirkung von Bildern des Schreckens, die in Friedenspädagogik und Shoah Education gleichermaßen konstatiert werden kann (stellvertretend etwa Mkayton 2011). Einen weiteren Bezugspunkt bildet der im Titel zitierte Aufsatz von Susan Sontag (2003) über Kriegsfotografie.

Zitierte Literatur:

Sontag, Susan (2003), Regarding the Pain of Others. Dt. Das Leiden anderer betrachten. Carl Hanser Verlag München/Wien 2003.
Mkayton, Noa (2011), "...the great danger is tears..." - Die Bedeutung von Empathie und Emotionen im Holocaustunterricht, in: zeitschrift für didaktik der gesellschaftswissenschaften, Heft 1/2011, 28-48.


Prof. Dr. Sabina Brändli
Pädagogische Hochschule Zürich. Fachbereichsleitung Geschichte / Politische Bildung
http://www.phzh.ch/personen/sabina.braendli



Jacques Dane und Tijs van Ruiten
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Reformpädagoge Jan Ligthart und Schulillustrator Cornelis Jetses.
Der Erfolg des Schulwandbildes im niederländischen Sachunterricht (1905-1970).


Auf Klassenfotos aus der Zeit zwischen 1905-1970 sind häufig Schulwandbilder des Illustrators Cornelis Jetses (1873-1955) zu sehen. Die Schulwandbilder wurden als Lehrmittel, aber auch als Wandschmuck gebraucht. Woher kommen diese Schulwandbilder?
Der international bekannte niederländische Reformpädagoge Jan Ligthart (1859-1916) erfuhr selbst, dass der sogenannte Anschauungsunterricht für sowohl Kinder als auch Lehrkräfte langweilig war. Die Idee, dass die Wahrnehmungsfähigkeit von Kindern gefördert werden kann, indem ihnen einfache Gegenstände in Form von Bildern präsentiert werden, war zwar wichtig, in der Schulpraxis bedeutete dies jedoch langweiliges Besprechen von Bildern: Ein Stuhl sei nun einmal ein Stuhl, dafür brauche man keine Schulwandbilder, so Ligthart.
In der Schule in Den Haag, deren Schulleiter er war, sorgte er dafür, dass der Anschauungsunterricht nach ein paar Jahren verschwand. Im Unterricht war jedoch trotzdem eine Form von sachbezogenem Unterricht unabdingbar. Dieser war nötig für den Sprachunterricht, beispielsweise um die Ausdrucksfähigkeit der Kinder zu fördern und das Wissen der Kinder auch mit Dingen außerhalb des Lehrstoffes zu bereichern. Aus seiner eigenen Unterrichtspraxis wusste Ligthart "wie erwünscht es war, Fragelust und Wissensdurst von Kinder zu befriedigen, die sich gerne Bilder ansehen und vieles wissen wollen".
Um diesem Bedürfnis nach Sachunterricht gerecht zu werden, entwickelte Ligthart Het volle leven [Das reiche Leben], eine aus 24 Schulwandbildern und vier Begleitheften bestehende Unterrichtsmethode für den "Sachfachunterricht". Die Begleithefte geben Richtlinien und Anregungen für unter andere Schulwanderungen und das Unterhalten von (Schul-)Gärten.
Von Seiten der Lehrer bekam Ligtharts Unterrichtsmethode Het volle leven Kritik. Die Begleithefte waren für die meisten Lehrer zu kompliziert und erwiesen sich in der täglichen Unterrichtspraxis als unbrauchbar. Außerdem wurde Ligthart vorgeworfen, er habe den Entwicklungsstand von Grundschulkindern nicht richtig eingeschätzt. Im Unterricht wurden die Begleithefte für Het volle leven darum nicht lang verwendet. Die von Cornelis Jetses gefertigten Schulwandbilder hingegen wurden bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in Klassenräumen als Wandschmuck benutzt, und Lehrer verwendeten sie als Material für ihre eigenen Unterrichtsideen. In unserem Beitrag erläutern wir, wie es kommt, dass die Bilder des Illustrators Cornelis Jetses so beliebt waren und warum sie - im Gegensatz zur Unterrichtsmethode selbst - so lange im Unterricht verwendet wurden. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass diese Schulwandbilder und ihre Motive, nachdem sie aus den Klasseräumen verschwunden waren, in den Niederlanden weiterhin häufig verwendet wurden, beispielsweise in der Werbung.


Jacques Dane und Tijs van Ruiten
Nationaal Onderwijsmuseum, Dordrecht

Tijs van RUITEN (1961).
Studiengang Museologie an der Reinwardt Academie (FH) in Amsterdam. Seit 1982 beschäftigt am Nationaal Onderwijsmuseum (Niederländisches Museum für Bildungsgeschichte) in Dordrecht, zunächst als pädagogischer Mitarbeiter, später als Konservator. Seit 2006 Museumsdirektor.

Dr. Jacques DANE (1964).
Historiker, Leiter der Abteilung Sammlung, Bibliothek und Forschung der Nationaal Onderwijsmuseum (Niederländisches Musuem für Bildungsgeschichte) in Dordrecht. Arbeitsschwerpunkte: Schul- und Erziehungsgeschichte, Lesekultur und Religionsgeschichte.

http://onderwijsmuseum.nl/pagina/contact




Kristina Hartfiel
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Gedenckwürdigkeiten des 18. Jahrhunderts.
Bildlichkeit in einem "historischen Bilder=Buch" aus Nürnberg.


Johann David Köhlers Gedenckwürdigkeiten des ietzt lauffenden achtzehenden Jahrhunderts (1739) sind eine Fortsetzung/ Ausgabe der so genannten Welt in einer Nuß. Diese Welt in einer Nuß wurde in verschiedenen Auflagen im Nürnberger Verlag Weigel gedruckt, die Ausgaben waren alle zum Erlernen der Historie beabsichtigt und zur Unterstützung der Geschichtsvermittlung mit zahlreichen Kupfertabellen illustriert. Die Fortsetzung aus dem Jahre 1739 stellt dabei insofern eine Besonderheit dar, da Köhler als Autor dem Werk eine umfangreiche "Vorrede von Gebrauch und Nutzen der Bilder bey der Historie" voranstellt.1
In meinen Vortrag möchte ich sowohl dieses Vorwort als auch die inhaltliche, visuell-textliche Darstellung der (Zeit-)Geschichte analysieren. Was sagt Köhler über die Verbildlichung der Vergangenheit? Hält das Werk die methodisch-theoretischen überlegungen des Göttinger Geschichtsprofessors (Köhler war zuvor Professor in Altdorf) zur Bildlichkeit ein? Darüber hinaus ist in einem weiteren Schritt zu untersuchen, wie das Werk innere (mentale) Geschichtsbilder sprachlich, visuell und - das wird noch tiefgehender zu hinterfragen sein - performativ, kurz intermedial, bereitstellt. Exemplarisch möchte ich dabei - in Anlehnung an die Arbeiten von Birgit Emich2 - drei Aspekte der Gedenckwürdigkeiten mit Vergleichspunkten aus den (anderen) Ausgaben der Welt in einer Nuß diskutieren:

  1. Von welche historischen Konfigurationen machte man sich Bilder und von welchen nicht? Was zeigen diese Verbildlichungen?
  2. Kann man Aussagen darüber treffen, wie "die Deutung der Wirklichkeit konstruiert"3 wird? Wer oder was war an der Entstehung und Durchsetzung einer bestimmten Bildlichkeit beteiligt?
  3. Welche Wirkungsweisen (auf Menschen/Handlungen, auf andere Medien) haben die verarbeiteten Bilder? Kann man anhand der Bildlichkeit auch auf mögliche Rezipienten schließen?

1 Köhler, J. D.: Gedenckwürdigkeiten des ietzt lauffenden achtzehenden Jahr-Hunderts nach Christi Geburt als eine Fortsetzung Der Welt in einer Nuß ... Von An. 1701 biß 1720, Nürnberg 1739. Die erste Ausgabe: Schmidt, G. A.: Sculptura historiarum et temporum memoratrix: Das ist/ Gedächtnuß hülffliche Bilder-Lust/ Der merckwürdigsten Welt-Geschichten aller Zeiten/ von Erschaffung der Welt biß auf das gegenwärtige 1697. Jahr/ …, Nürnberg 1697. In späteren Ausgaben erscheint die Sculptura vor allem unter folgendem Titel: Die Welt in einer Nuß oder Die Historien vom Anfang Der Welt samt deren Zeit-Rechnung biß auff unsere Zeit auf eine besondere und ganz leichte Art kurz zusammen zufassen oder ausgebreitet in einem Augenblick auf einer einigen Tafel zuwiederhohlen fürgeschrieben und fürgebildet, auch neu hervorgebracht von Christoph Weigel, Nürnberg [1700].
2 U.a.: Emich, B.: Bilder einer Hochzeit. Die Zerstörung Magdeburgs 1631 zwischen Konstruktion, (Inter-)Medialität und Performanz, in: DIES. u.a. (Hrsg.): Kriegs/Bilder in Mittelalter und Früher Neuzeit (Zeitschrift für historische Forschung, Beiheft 42), Berlin 2009, S. 197-235.
3 Ebenda, S. 201.


Kristina Hartfiel M.A.
Promotionsstipendiatin der Gerda Henkel-Stiftung
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Institut für Geschichtswissenschaften VIII. Geschichte der Frühen Neuzeit.
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/geschichte/lehrstuehle/viii-geschichte-der-fruehen-neuzeit
http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/profil.php?user_id=698




Kerrin Klinger und Michael Markert
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"Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" -
Was zeigen Lehrmittel zu Baum und Frucht?


Der Apfel ist in unseren Breiten seit tausenden Jahren heimisch und als Kulturpflanze etabliert. Er wird als Nahrungsmittel und Heilpflanze praktisch genutzt und ist darüber hinaus als Sinnbild und ikonisches Zeichen bekannt. Zugleich ist der Apfel ein Archetypus naturhistorischer und später biologischer Lehre, der unter anderem die Familie der Rosaceae (Rosengewächse), die Variabilität einer Art mit ihren Tausenden von Sorten und die Nutzbarmachung durch und für den Menschen repräsentiert. Seine Bedeutung zeigt sich in einer Vielzahl von Visualisierungsstrategien. Illustrationen zum Apfel finden sich in Comenius' Orbis sensualium pictus oder auch in Bertuchs Bilderbuch für Kinder und die Reihe lässt sich ohne Schwierigkeiten bis zu den Schulbüchern der heutigen Zeit fortsetzen. Doch finden sich in pädagogischen Zusammenhängen nicht nur solche Sachillustrationen, sondern auch ganz andere Abbildungsformen. Gemeinsam mit Buchabbildungen und natürlich großformatigen Lehrtafeln standen Frucht- und Blütenmodelle im Unterricht in der Hochphase der naturwissenschaftlichen Lehrmittelproduktion um 1900 mit unterschiedlichen didaktischen Absichten Seite an Seite. Am Apfel können daher im Vortrag in bildungshistorischer Perspektive die Spezifika und Wechselwirkungen solcher Strategien aufgezeigt werden.
Diese Medien - mit jeweils unterschiedlichen Darstellungsmodi - unterliegen ihrerseits historischen Wandlungsprozessen. Comenius' Holzschnitt-Tableau vermag eine andere Wahrnehmungsnähe zu vermitteln als das originalgroße farbige Wachsmodell eines Gartenapfels. Die Wandtafel zur Apfelblüte verdeutlicht in ihrer übergroßen Schematisierung Anderes als Fotografien zur jahreszeitlichen Entwicklung des Baumes. Welche Kontinuitäten finden sich in dieser medialen Vielfalt? Wie entwickeln sich die Lehrmittel zur Apfelpflanze auf den verschiedenen medialen Ebenen? Was war den Pädagogen über die Jahrhunderte wichtig und was zeigen die Darstellungen mit welchen Mitteln?
Doch es werden nicht nur Fragen nach der Produktion und Rezeption dieser unterschiedlichen Lehrmittel in ihren jeweils eigenen Materialien aufgeworfen. Zur Diskussion steht auch das Verhältnis von (Ab-)Bildern zueinander. So sollen etwa jene in dreidimensionaler Gestalt nicht nur den Sehsinn ansprechen, sondern verdanken ihre Existenz geradezu der Möglichkeit einer räumlichen und haptischen Interaktion und den damit verbundenen Effekten auf den Lernenden.
In einer ersten grundsätzlichen Bestandsaufnahme wollen wir der Darstellungsgeschichte des Apfels in Illustrationen und dreidimensionalen Modellen seit dem 19. Jahrhundert systematisch nachgehen.

Literatur:
Breidbach, O., 2005. Bilder des Wissens. Zur Kulturgeschichte der wissenschaftlichen Wahrnehmung. München: Fink.
Bucchi, M., 1998. Images of science in the classroom. Wallcharts and science education 1850-1920. British Journal for the History of Science, 31, S.161-184.
Freyer, M., 1995. Vom mittelalterlichen Medizin- zum modernen Biologieunterrricht. 2 Teile, Passau: Wiss.-Verl. Rothe.
Jordanova, L., 2004. Material models as visual culture. In N. Hopwood & S. de Chadarevian, hrsg. Models. The third dimension of science. Stanford: Stanford University Press, S. 443-451.
Kaiser, D., 2005. Moving pedagogy from the periphery to the center. In D. Kaiser, hrsg. Pedagogy and the practice of science. Historical and contemporary perspectives. Cambridge: MIT Press, S. 1-8.
Lechtreck, H.-J., 2000. Die Äpfel der Hesperiden werden Wirtschaftsobst : botanische Illustration und Pomologie im 18. und frühen 19. Jahrhundert. München [u.a.]: Dt. Kunstverl.
Nickelsen, K., 2000. Wissenschaftliche Pflanzenzeichnungen - Spiegelbilder der Natur? Botanische Abb. aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. Bern: Studies in the History and Philosophy of Science.
Wiesing, L., 2013. Sehen lassen. Die Praxis des Zeigens. Berlin: Suhrkamp.


Dr. Michael Markert
Arbeitsgruppe Biologiedidaktik. Biologisch-Pharmazeutische Fakultät.
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Michael Markert studierte Geschichte der Naturwissenschaft und Technik, Biologie sowie Volkskunde/Kulturgeschichte und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Biologiedidaktik an der Universität Jena. Er promovierte über die Rolle von Wissenschaftsgeschichte in der naturwissenschaftlichen Bildung und beforscht nun historische biologische Lehrmittel.


Dr. Kerrin Klinger
Wissenschaftliche Koordinatorin. Projektgruppe "Laboratorium der Objekte"
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Kerrin Klinger studierte Freie Kunst sowie Volkskunde/Kulturgeschichte, Philosophie und Kunstgeschichte. Sie ist derzeit wissenschaftliche Koordinatorin der Projektgruppe "Laboratorium der Objekte" zum Einsatz von Sammlungsbeständen in der Lehre an der Jenaer Universität. Ihre Dissertation zur Ausrichtung des mathematischen Unterrichts an Weimarer Schulen um 1800 verfasste sie im Rahmen eines wissenschaftshistorischen Forschungsprojekts.

http://www.uni-jena.de/laboratorium_der_objekte.html
http://www.kunstgeschichte.uni-jena.de/Institut/Mitarbeiter/Dr_+Kerrin+Klinger.html




Silke Körber
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Unterhalten und Informieren:
Visualisierungsstrategien im populären illustrierten Sachbuch im 20. Jahrhundert (anhand des Wirkens deutschsprachiger Verlegern im Exil in Großbritannien und in den USA).


Thema des Beitrags sind Visualisierungsstrategien im Medium des illustrierten populären Sachbuchs, die mit Prozessen der Wissenstransformation und Medienkonvergenz seit Beginn des 20. Jahrhunderts verbunden sind. Zu dieser Zeit entwickelte sich das Sachbuch als wesentliche literarische Form, mit dem Anspruch, komplexe Informationen für einen größeren, nicht speziell vorgebildeten Bevölkerungskreis verständlich und unterhaltsam aufzubereiten. Hierbei stand zunächst vor allem die Popularisierung naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnisse und Denkstile im Vordergrund. Dies ist im Kontext der Transformation der deutschsprachigen Bildungs- und Wissenskultur seit dem 19. Jahrhundert zu sehen, befördert durch die industrielle Revolution, und zeigte sich eben auch in politisch-emanzipatorischen Bestrebungen und Konzepten für die individuelle Erziehung. Gleichzeitig wurde das Sachbuch stärker als andere Publikationsformen vom Aufkommen der neuen Medien Fotografie und Film sowie von der Weiterentwicklung von Produktionsbedingungen und Herstellungstechniken geprägt. Für die Realisation der damit verbundenen Potenziale waren - entsprechend der vorherrschenden Strukturen im Verlagswesen - die Kompetenz und Kreativität von Verlegern sowie interner und externer Fachleute entscheidend.
Maßgebend waren in diesem Sinne, so ist es bereits für Teilbereiche des Verlagswesens wissenschaftlich aufgearbeitet worden, jüdische und linksintellektuelle Emigranten aus Deutschland und Österreich, die sich vor dem Nationalsozialismus nach Großbritannien und in die USA flüchten mussten. Weitgehend unbekannt ist das Wirken einer kleinen Gruppe um den Adprint-Gründer Wolfgang Foges, der mit anderen Emigranten in London sowie dem amerikanischen Zweig der Firma, vertreten durch Paul Steiner (Chanticleer Press), die Entstehung des illustrierten Sachbuchs mit der Entwicklung besonderer organisatorischer Strukturen, Produktionsmethoden und durch gestalterische Neuerungen beeinflusste. Die Ausdifferenzierung und Spezialisierung des Buchtyps - vom Bildband bis zum Foto-Naturführer - vollzog sich wesentlich nach dem Zweiten Weltkrieg und ist parallel zur Internationalisierung des Buchmarktes zu sehen. Bis heute sind die "integrated" Layouts ein Erfolgskonzept: semantisch eng verknüpfte Bild-Text-Strukturen, geprägt durch ein verändertes Verständnis der Möglichkeiten des Buches in Konkurrenz zu anderen Medien. Großen Einfluss auf die Arbeitsweise und konkrete Projekte der genannten Verleger hatte dabei auch der nach Oxford emigrierte Ökonom und Wissenschaftstheoretiker Otto Neurath, der dem sozialreformerischen "Wiener Kreis" angehörte. Neurath propagierte mit der von ihm begründeten Methode zur bildlichen Vermittlung von Informationen (ISOTYPE) das Ideal einer umfassenden Bildung für die Allgemeinheit als Voraussetzung für eine moderne Gesellschaft.


Silke Körber M.A.
Doktorandin am Institut für Buchwissenschaft Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Prof. Dr. David Oels, Lehrstuhl für Sachbuchforschung



Hiram Kümper
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Weil die Figuren und gemachte Bilder einem Dinge näher kommen als die Wörter:
Bilder als Vermittler von Geschichte in der frühen Neuzeit


Der Beitrag, den ich vorschlagen möchte, wird sich mit der Rolle visueller Medien in der Vor- und Frühgeschichte des Geschichtsunterrichts auseinandersetzen – in jener Zeit also vor Einführung eines eigenständigen Unterrichtsfaches im frühen 19. Jahrhundert. Mit diesem Gegenstand habe ich mich in den letzten Jahren wiederholt beschäftigt (zuletzt: Historia und Exempel. Geschichte und Geschichtsunterricht im deutschen Protestantismus zwischen Reformation und Frühhistorismus [Quellen zur protestantischen Bildungsgeschichte 8], Leipzig 2014), dabei aber Bilder als Unterrichtsmedien stets nur am Rande betrachtet. Der Workshop wäre eine schöne Gelegenheit, das einmal zu ändern. Denn gerade das 17. und 18. Jahrhundert zeigen sich in Sachen Geschichtsvermittlung als ausgesprochen bildfreudige Jahrhunderte. Einen besonderen Platz nimmt dabei der Lüneburger Gymnasialprofessor Johannes Buno (1617-1697) ein, der als erster konsequent versuchte, Bilder nicht nur zur bloßen Illustration oder Auflockerung von Texten zu nutzen, sondern als eigenständiges Vermittlungsmedium für historische Inhalte in den Mittelpunkt rückte. Von ihm stammt auch das Zitatfragment in der Überschrift. Dem lässt sich eine zunehmende Beschäftigung mit dem Vermittlungspotential von Bildern während des 18. Jahrhunderts an die Seiten stellen. Gezeigt werden soll im Rahmen des vorgeschlagenen Beitrages aber nicht nur die besondere Bedeutung visueller Mnemotechniken, weil gerade in der Geschichte der Lernende das "Gedächtnüß mit vielen Nahmen und Zahlen überhäuffen" müsse (so Christian Weise, 1642-1708). Vielmehr wird auch die Frage zu stellen sein, ob Bilder in der Vor- und Frühgeschichte des Geschichtsunterrichts nicht auch Ausdruck einer ganz spezifischen zeitgenössischen Episteme waren, ob sie nicht also auch wirklich ein Mittel der besseren Annäherung an den Gegenstand (d.h. die Geschichte) verhießen, weil eben "die Figuren und gemachte Bilder einem Dinge näher kommen als die Wörter".


Prof. Dr. Hiram Kümper
Universität Mannheim. Geschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit

Hiram Kümper (Jg. 1981) stammt aus Bochum. Dort hat er nach dem Zivildienst auch studiert: Geschichte, Philosophie und Germanistik. Promoviert worden ist er dann 2007 allerdings in Mannheim mit einer Studie zur Geschichte des sächsischen Landrechts in Mittelalter und früher Neuzeit. Danach war er kurz Assistent an der Hochschule Vechta, zwischen 2009 und 2013 akademischer Rat an der Universität Bielefeld und folgte schließlich von dort einem Ruf auf die neu geschaffene Professur für Geschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit an der Universität Mannheim.
In der Zwischenzeit ist er viel herumgekommen, hat Lehraufträge an den Universitäten Koblenz, Lüneburg und Erfurt sowie eine Erasmus-Dozentur an der Università di Bologna wahrgenommen. Fellowships führten ihn u.a. nach Paris, London und Saint Louis/Miss., außerdem war er regelmäßig als Gastforscher an der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel.
Hiram Kümper hat sich vor allem mit den Normensystem beschäftigt, die das alte Europa strukturiert haben: mit Recht, mit Religion und Frömmigkeit, zuletzt mit Expertendiskursen sexueller Gewalt zwischen dem Hochmittelalter und dem Ende des Ancien Régime. Daneben hat ihn stets die Frage begleitet, wie Geschichte eigentlich produziert, wahrgenommen und vermittelt wird: in der Schule, in der Hochschule und im Museum.

Einzelheiten und ein Schriftenverzeichnis finden sich unter: www.geschichte.uni-mannheim.de/smfnz




Peter Menck
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Orbis rerum – ad usum delphini.
Die Welt in Bildern – Dargestellt zum Zwecke des Unterrichts


Jedem Lese–Bilder–Buch unterliegt eine Vorstellung von einer naturgemäßen Ordnung der Dinge. In der Geschichte des Unterrichts haben sich zwei solcher Bücher einen besonderen Ruf erworben: der Orbis Sensualium Pictus von J. A. Comenius und die sog. Kupfertafeln von D. Chodowiecki in J. B. Basedows Elementarwerk. Das erstere ist ausdrücklich didaktisch gerahmt, und zwar durch das Bild eines Lehrers mit Zeigegeste und einen dazu gehörenden Text, der eine Deutung der im Buch vor Auge geführten Welt verspricht; genau dasselbe Bild mit einem abschließenden Text beschließt es. Ich werde diesen Holzschnitt zum Ausgang nehmen und zeigen, wie Comenius den Dingen, soweit sie mit den menschlichen Sinnen erfahren werden können (res sensuales), eine Ordnung unterlegt bzw. sie gemäß einer für ihn selbstverständlichen, nämlich der göttlichen Schöpfungs- und Heilsordnung interpretiert. Es ist interessant, dass an herausragenden Stellen das Wort eher dem Bild, als dieses jenem dient, also eine Prädominanz im Vermittlungsprozess beansprucht. – Sodann werde ich andeuten, welchen sozialen Kontext das Buch dokumentiert: die religiöse Gemeinschaft der Böhmischen Brüder.
Basedows Elementarwerk mit Chodowieckis Kupferstichen hingegen spiegelt die Welt des aufgeklärten, philanthropinistisch orientierten (Berliner) Bürgertums. Auch in diesem Werk findet man das gesamte, für diese Welt lebensnotwendige Wissen zusammengestellt, dazu bis ins Detail ausdrücklich didaktisch aufbereitet. Die Kupferstiche sah Basedow selbst nur als Hilfsmittel an. Aber auch sie lassen eine dem Selbstverständnis seiner Klientel entsprechende Ordnung erschließen. – Hier dient mir eine Unterrichtssituation aus der Sammlung der Bilder als Einstieg.
Schließlich werde ich das Ganze aus didaktischer Perspektive verallgemeinern und auf Struktur und Funktion der so genannten ›Medien‹ im Unterricht beziehen.


Dr. Peter Menck
Universität Siegen

http://www.peter-menck.de/








Markus Meumann
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Die Welt in einer Nuß.
Mnemonische Geschichtsvermittlung in Bild und Text um 1700.


Im Jahr 1697 erschien in Nürnberg ein aufwändiger Folioband mit dem Titel Sculptura Historiarum Memoratrix. Der Autor des Textes, der 1655 geborene Jurist und Historiker Gregor Andreas Schmidt, präsentierte darin "Zu sonderen Behuf und Belustigung So wol der studirenden Jugend/ als auch anderer Liebhaber der Geschichten" einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte, die er in biblischer Tradition mit der Erschaffung der Welt 4000 Jahre vor Christi Geburt beginnen ließ. In mnemotechnischer Absicht war das Werk für die vorchristliche Zeit nach Jahrtausenden, ab dem zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt dann auch nach Jahrhunderten gegliedert. Zur Illustration und leichteren Memorierbarkeit waren zudem jedem Jahrtausend wie auch jedem Jahrhundert eine Bildtafel mit zehn Vignetten des Regensburger Kupferstechers Christoph Weigel vorangestellt, die jeweils das wichtigste Ereignis eines Säkulums bzw. eines Jahrzehnts abbildeten und ihrerseits durch eine kurze lateinische Erläuterung erklärt waren. Der didaktischen Einprägsamkeit diente schließlich auch die Charakterisierung der nachchristlichen Jahrhunderte durch ein Epitheton.
Begünstigt durch die bevorstehende Jahrhundertwende, war dem Werk trotz seines Formates und seines daraus resultierenden Preises beachtlicher Erfolg beschieden: 1698 erschien die unveränderte zweite und 1701 eine durch einige zusätzliche Vignetten aktualisierte dritte Auflage. 1726 schließlich wurde es letztmalig in einer Bearbeitung des Altdorfer Geschichtsprofessor Johann David Köhler (1684-1755) publiziert. Entscheidend für den verlegerischen Erfolg dürfte allerdings weniger die historiographische Darstellung als vielmehr die Einprägsamkeit der Kupferstiche Christoph Weigels gewesen sein, die dieser bereits um 1700 in einer weniger detailgetreu nachgestochenen und damit deutlich preiswerteren Version unter dem ebenso suggestiven wie verkaufsfördernden Titel Die Welt in einer Nuß herausgebracht hatte. In dieser Fassung erlebten die Kupferstiche zwischen 1722 und 1739 weitere Ausgaben, darunter zwei französischsprachige, sowie mehrere Fortsetzungen bzw. Aktualisierungen. Zugleich avancierte Die Welt in einer Nuß zu einem der wichtigsten Geschichtslehrbücher der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nach 1739 scheint das Werk allerdings bald aus der Mode gekommen zu sein: Die vom Verlag noch länger angekündigten jährlichen Fortsetzungen jedenfalls wurden nicht mehr realisiert, und auch im Geschichtsunterricht spielten Bilder fortan offensichtlich eine geringere Rolle.
In meinem Vortrag möchte ich vor allem dem ebenso wechselhaften wie komplexen Verhältnis von Bild und Text in den verschiedenen Ausgaben nachgehen. Dieses reflektiert nicht allein Diskussionen über den "Gebrauch und Nutzen der Bilder bey Erlernung der Historie" (so der Titel der Vorrede zur letzten Ausgabe der Bildtafeln 1739), sondern folgte vor allem auch medialen, drucktechnischen und kaufmännischen Erwägungen und Notwendigkeiten, denen damit bei der Konstituierung historischen Wissens und seiner bildhaften Vermittlung um 1700 eine erhebliche Rolle zukam.


Dr. Markus Meumann
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt

Markus Meumann studierte Mittlere und Neuere Geschichte sowie Deutsche und Romanische Philologie in Göttingen und Caen/Frankreich. 1988 Maîtrise d'histoire, 1993 Promotion in Göttingen mit einer Arbeit über Unversorgte Kinder in der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Nach einem kurzen Intermezzo als Vertreter des Archivleiters im Archiv der Georg-August-Universität Göttingen war er - unterbrochen durch Forschungsaufenthalte und Stipendien in Paris, Lille, London und Wolfenbüttel - von 1994-2012 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig, zunächst als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geschichte, wo er anschließend für die Organisation des 44. Deutschen Historikertag 2002 verantwortlich war, seit 2004 dann als Wissenschaftlicher Mitarbeiter einer DFG-Forschergruppe am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung. Seit 2014 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt.
Zu seinen Arbeitsgebieten gehören die Diskurs- und Wissensgeschichte der Aufklärung und des historischen Denkens im 17. und 18. Jahrhundert, die Beziehung von Krieg, Recht und politischer Kultur in der Frühen Neuzeit sowie die Geschichte der Geschichtswissenschaft.

https://www.uni-erfurt.de/forschungszentrum-gotha/mitar/dr-markus-meumann/




Walter Müller
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"FORMEN DER IKONISIERUNG DES SCHULWISSENS"


Einleitend werden einige grundsätzliche überlegungen zur Bedeutung von Bildern bei der Didaktisierung von Unterrichtsinhalten in Geschichte und Gegenwart vorgestellt. Daraus soll die Notwendigkeit ersichtlich werden, ähnlich wie für den Bereich der Sprache ("ars rhetorica"),der relativ gut erforscht ist, so etwas wie eine "ikonische Topologie der Didaktik" zu entwickeln, um unterrichtliche Lehr-Lernprozesse besser verstehen zu können. Das wird im Vortrag exemplarisch versucht.
Als Beispiele dienen der Einfachheit halber statische Bilder und mit Ausnahme der ersten beiden Beispiele Bilder aus dem Bereich des Unterrichtsmediums Schulwandbild. Bei den ersten beiden Bildern, in denen es um die Ikonisierung des Bildungskanons geht, handelt es sich um aufschlussreiche Beispiele aus dem Spätmittelalter und aus der jüngsten Zeit aus den Niederlanden.
Aus der Geschichte der schulischen Anschauungsbilder werden neun typische Formen der Ikonisierung von unterrichtlichen Einzelthemen aus unterschiedlichen Fächern exemplarisch vorgestellt. Die Ikonisierung

Erkenntnisleitend ist dabei nicht nur ein historiografisches, sondern primär ein systematisch-medientheoretisches Interesse; denn es geht vor allem darum, die grundsätzlichen Möglichkeiten und Grenzen der didaktischen Visualisierung in Abgrenzung zu sprachlichen Vermittlungsformen besser zu verstehen.


Prof. Dr. Walter Müller
Universität Würzburg

Geboren 1946 in Lauf / Nürnberg.
1968-1971: Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule Nürnberg.
1971-1975: Promotionsstudium an der Universität Duisburg. Promotion zum Dr. paed.
1975-1983: Wissenschaftlicher Assistent im Fach Allgemeine Pädagogik bei Prof. Dr. Wolfgang Fischer.
1983-1995: Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Schulpädagogik an der Universität Duisburg. Leiter des "Archiv Schulische Wandbilder",
1992: Habilitation. Seit 1995 Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Würzburg.
2011: Entpflichtung 2011 - 2013 Seniorprofessor am Lehrstuhl für Schulpädagogik

Forschungsschwerpunkte: Medienpädagogik, insbesondere: Lehren und Lernen mit Bildern und neuen Medien, Schultheorie und Schulgeschichte, Allgemeine Didaktik, insbesondere: Lehrplantheorie, Erziehungs- und Bildungstheorie, Sexualpädagogik

http://www.schulpaedagogik.uni-wuerzburg.de/team/prof_dr_walter_mueller_em/



Katrin Stöcker
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SCHULWANDBILDER ALS VERMITTLUNGSMEDIEN.
Vermittlungswissen im Kontext des ersten Anschauungsunterrichts des 19. Jahrhunderts.


Für das Dissertationsprojekt "Schulwandbildspezifisches Vermittlungswissen im Kontext des ersten Anschauungsunterrichts zur Zeit des deutschen Kaiserreichs" wird auf Schulwandbilder als schulgeschichtliche Quellen zurückgegriffen. Die Lithographien, die speziell für unterrichtliche Zwecke geschaffen wurden, dienten der Veranschaulichung von Unterrichtsinhalten. In den Schulwandbildern materialisiert sich deshalb das in bildnerischer und didaktischer Form besonders aufbereitete, zu vermittelnde Wissen. Sie bewahren bis heute das zur damaligen Zeit als tradierungswürdig erachtete (Schul)Wissen. In den zugehörigen Handreichungen ist gleichzeitig auf die Sonderaufgabe des Vermittelns zugeschnittenes Spezialwissen enthalten (Schulmannwissen).
Das Forschungsinteresse des Vorhabens richtet sich auf die Rekonstruktion beider Varianten des Vermittlungswissens mit Bezug zum Anschauungsunterricht des 19. Jahrhunderts. Durch ein kategorienbasiertes Analyseverfahren sollen Stabilitäten, Modifikationen und Differenzen hinsichtlich des zu vermittelnden Wissens (Schulwissen) und des Wissens über das Vermitteln (Schulmannwissen) identifiziert werden. Die Arbeit orientiert sich an folgenden forschungsleitenden Fragestellungen:

Obwohl in der Schulwandbildforschung durch inhaltlich-motivische, zeitgeistgeschichtliche und bildungshistorische Untersuchungen Vorarbeit geleistet wurde und Beiträge zu einer didaktischen Kategorisierung der Schulwandbilder vorliegen, besteht noch immer Bedarf an der Ausdifferenzierung ihrer mediendidaktischen und -pädagogischen Spezifität sowie der weiteren Erforschung von Vermittlungsstrategien unter Einbezug der "pädagogisch-didaktischen Theorie innerhalb des Untersuchungszeitraums" (Uphoff 2006, 135; vgl. Müller 2003). Eine unterrichtsfachbezogene Begrenzung auf die Schulwandbilder des ersten Anschauungsunterrichts (vgl. dazu Bernhauser 1979) wurde weiterhin vorgenommen, weil eine systematische Auswertung dieser Bilddokumente und Textquellen zur Untersuchung des Anschauungsunterrichts als Vorläufer der Heimatkunde und des Sachunterrichts in der historischen Sachunterrichtsforschung beitragen kann.
Im Vortrag innerhalb des Workshops "Zeigen und Bildung. Das Bild als Medium der Unterrichtung seit der frühen Neuzeit" wird schwerpunktmäßig die theoretische Verortung und die Anlage des Forschungsprojekts vorgestellt. Beispiele aus der gegenwärtigen Datenerhebungsphase fließen konkretisierend ein.
Literatur

Bernhauser, J. (1979): Wandbilder im Anschauungsunterricht. Studien zur Theorie und Praxis der Medien in der Volksschule des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main.
Müller, W. (2003): Schulbücher und Schulwandbilder im Spiegel der Forschung. In: Wiater, W. (Hrsg.): Schulbuchforschung in Europa. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive. Bad Heilbrunn, 119-137.
Uphoff, I. K. (2006): Wider Chaos und Zerfahrenheit. Die didaktische Präparation der Welt im Schulwandbild. In: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 12 (2), 127-136.


Katrin Stöcker
Wissenschaftliche Mitarbeiterin.
Universität Würzburg. Philosophische Fakultät II. Institut für Pädagogik. Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik.

http://www.grundschulpaedagogik.uni-wuerzburg.de/lehrpersonal/stoecker_katrin/




Dirk Suckow
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Das kleine ABC der Exklusion.
"Zigeunerbilder" in Buchstabier- und Lesebüchern um 1800.


Als "alphabetisches Monopol" hatte Friedrich Kittler das typografische Aufschreibesystem vor 1900 in seiner Medientheorie gekennzeichnet. Das Aufschreibesystem 1800 habe als Zeitspeicher ausschließlich über Texte und Partituren verfügt, wobei diese Speicher noch keine unmittelbaren Aufzeichnungen, sondern symbolische Repräsentationen waren. In engerer Auslegung dieses Begriffs und mit Blick auf die Wissensvermittlung über ’Zigeuner" in Buchstabier- und Lesebüchern um 1800 könnte man ebenfalls von einem alphabetischen Monopol sprechen. Strategische Verwalter desselben waren die zeitgenössischen Träger von Alphabetisierung und pädagogischer Unterweisung. Ihre Festschreibung der Wissensbestände über eine nicht-sesshafte, illiterate Minderheit wurde dabei über dieses Monopol hinaus in beträchtlicher Weise durch Bilder unterstützt. Sie waren den Buchstabier- und Lesebüchern sowie Werken, die der Vermittlung enzyklopädischen Wissens an Kinder dienten, in der Regel in Gestalt kolorierter Kupferstiche beigegeben. Illustrierte Bücher der genannten Gattungen sind somit von kunst- und mediengeschichtlichem Interesse auch über die technischen Aspekte der Bildgebung, die von den Holzschnitten des siebzehnten über Kupferstich und Radierung im achtzehnten zu Stahlstich und Lithographie im neunzehnten Jahrhundert führt.
Der Vortrag wird Illustrationen zum Themenfeld "Zigeuner" aus Werken der genannten Gattungen zwischen 1770 und 1840 vorstellen. Diese Illustrationen rekurrierten in vereinfachter Form auf lange eingeführte Bildformulare. Zu diesen im Kontext mit "Zigeunern" seit Beginn des 16. Jahrhunderts gleichsam kanonischen Bildformularen gehören der Zigeunerzug (oder in reduzierter Form das Motiv des Unterwegsseins und Umherstreifens), das Zigeunerlager sowie das Wahrsagen, welches in der Regel als Handlesen gezeigt und vielfach mit einem Diebstahlsakt verknüpft wird.
Erläutert werden soll damit zum einen die longue durée negativer Projektionen auf "Zigeuner" als gesellschaftlich "Andere". Zum zweiten zeigen die analysierten Bilder für das weite Feld der mehrheitsgesellschaftlich-hegemonialen Repräsentation der "Zigeuner" nach 1770 eine bislang unbeachtete Konjunktur an. So werden diese "Anderen" nicht nur zum Gegenstand historischer, philosophischer, sprachgeschichtlicher, anthropologischer oder medizinischer Untersuchungen oder gewinnen als "Kunst-Zigeuner" einen neuartigen Stellenwert in der Literatur um 1800. Sie finden im Rahmen einer weit ausgreifenden Alphabetisierungswelle zugleich vielfach Eingang in die begriffsbildlichen Ordnungssysteme von illustrierten Buchstabier- und Lesebüchern beziehungsweise von Werken, die der Vermittlung enzyklopädischen Wissens an Kinder dienen. Zuschreibungen von Devianz über Text und Bild werden dabei wichtiger Bestandteil der Vermittlung elementaren Wissens wie des Alphabets. Das Zeigen des "Anderen" ist somit verknüpft mit der pädagogischen Erläuterung seiner vermeintlich notwendigen Ausgrenzung. Anders formuliert: Die den unterweisenden Texten beigegebenen Bilder werden im Kontext ihrer ikonographischen Tradition und nicht zuletzt im Zusammenspiel mit den Begriffserläuterungen zu Bildformularen und gleichsam "gestochenen Argumenten" der Exklusion.


Dirk Suckow
Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Universität Trier

Dirk Suckow, geb. in Nordhausen, Studium der Fächer Geschichte und Kunstgeschichte an den Universitäten Halle-Wittenberg, Pisa, Woronesh und Leipzig. Im Anschluss Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Franckeschen Stiftungen zu Halle, an der Universität Pécs (Robert Bosch Lektor) und im SFB 600 "Fremdheit und Armut" an der Universität Trier. Ab August 2014 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) Leipzig.
Buchveröffentlichungen: Die Stifterfiguren im Dom zu Nordhausen. Weimar 2011; Die ‚andere' Familie. Repräsentationskritische Analysen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Frankfurt a.M. [u.a.] 2013 (Mithrsg.); Fremde in der Stadt. Ordnungen, Repräsentationen und soziale Praktiken (13.-15. Jahrhundert). Frankfurt/Main [u.a.] 2010 (Mithrsg.)

http://sfb600.uni-trier.de/personen/Dirk_Suckow.html




Kerstin te Heesen
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Das illustrierte Flugblatt als Wissensmedium der Frühen Neuzeit.
Zeigestrategien und Aneignungspotenzial eines zweikanaligen Kommunikationssystems.


Im Jahr 1476 erläutert der Spiegel menschlicher Behaltnis, angefertigt von Peter Drach in Speyer, wie Wissen vermittelt werden kann:

"Diese Erkenntnisse mögen die Gelehrten haben aus der Gschrift; aber die Ungelehrten, die sollent unterweiset werden in Büchern der Laien, das ist in Gemelden." (zitiert nach Schottenloher 1968, 135)

In dieser Auffassung kommt Bildern die gleiche Aufgabe wie Büchern zu; lediglich die "Zielgruppe" - um einen modernen Begriff zu verwenden - ist eine andere. Bereits vier Jahre später, im Jahr 1480, entwickelt sich mithilfe der immer weiter fortschreitenden technischen Möglichkeiten des Buchdrucks ein Medium, das auf besondere Weise dem Anspruch des Spiegels menschlicher Behaltnis entspricht und durch eine geschickte Verknüpfung von Bild und Text zu einem für frühneuzeitliche Verhältnisse massenhaft verbreiteten und ausgesprochen populären Medium wird: das illustrierte Flugblatt.
Als der Gruppe der Einblattdrucke zugehörig bleibt beim illustrierten Flugblatt zwar "die Eigenschaft der Kürze und damit der Handlichkeit erhalten, doch gelangt über das Auge eine Wahrnehmungsmöglichkeit hinzu, die auch die verbalen Verständigungsmöglichkeiten ändert" (Harms 1985, VII). Mit der "Rhetorik des Worts" verbindet sich die "persuasive Kraft des Bildes" (Harms 1985, VII); gerade in der Verbindung von Text und Bild liegt die besondere Aussagekraft des illustrierten Flugblattes.
Es handelt sich bei Bild und Text dementsprechend um gleichrangige, sich ergänzende und gegenseitig durchdringende Elemente des illustrierten Flugblattes, womit dieses Medium durch ein zweikanaliges Kommunikationssystem gekennzeichnet ist (vgl. Adam 1999, 133).
Der vorliegende Vortragsvorschlag möchte sich mit der ikonographischen, ikonologi-schen und ikonischen Gestaltung des illustrierten Flugblattes beschäftigen und nachzeichnen, warum das illustrierte Flugblatt als "Träger seiner Epoche" beschrieben werden kann (Harms 2002, 19), das Einblicke in die Kultur und das Lebensgefühl der frühneuzeitlichen Menschen gab und so als "aktuelle[r] Spiegel des gesellschaftlichen Lebens der Zeit" fungierte (Wäscher 1955, 8). Von besonderem Interesse ist vor diesem Hintergrund die Bedeutung des illustrierten Flugblattes als "Wissensmedium" der Frühen Neuzeit und sein Potenzial hinsichtlich der Vermittlung und Aneignung von - in einem allgemeinen Verständnis - Wissen.
Nach einer kurzen Einführung in das Medium und seine Gestaltungsform wird daher der Fokus auf die Herausarbeitung der didaktischen Dimension (vgl. te Heesen 2011, 167f.) am Beispiel ausgewählter illustrierter Flugblätter gelegt. Das illustrierte Flugblatt vermittelt in einer einfachen Sprache und in den Adressaten geläufigen Darstellungen jene Themen, die eine Relevanz für weite Kreise der frühneuzeitlichen Bevölkerung aufweisen. Zumeist in symbolischem Duktus und mit einer gewissen Dramatik versehen, spricht das Medium Neugierde und die für die Epoche charakteristische Schaulust an, während es sowohl alltagspraktische Ratschläge gibt (etwa zu maßvollem Weinkonsum oder richtigem Verhalten in Verkaufssituationen auf dem Markt) als auch abstrakte Themenkomplexe verständlich vermittelt (wie beispielsweise die Vorstellungen von Gut und Böse oder den anatomischen Aufbau des menschlichen Körpers).
Mit seiner Fokussierung auf die Zeigestrategien des illustrierten Flugblattes verfolgt der Beitrag das Ziel, die in diversen wissenschaftlichen Disziplinen und Diskursen in der jüngeren Zeit betonte Bedeutung von Bildern historisch zu fundieren und einzubetten - und auf diese Weise zu zeigen, dass die Möglichkeiten eines bildgestützten Lernens eine lange Geschichte haben. Nicht zuletzt veranschaulicht der Beitrag die verschiedenen methodischen Zugänge zu Bildern unter Verwendung sowohl von kunsthistorischen (vgl. Panofsky 1997; Imdahl 2001) als auch sozialwissenschaftlichen Ansätzen (vgl. Bohnsack 2003).
Als zentrale Fragen für den vorliegenden Vortragsvorschlag lassen sich fixieren:

Literatur
Adam, W. (1999): Theorien des Flugblatts und der Flugschrift. In: Leonhard, J.-F. u. a. (Hg.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. 1. Teilband. Berlin [u. a.]: de Gruyter, 132-143.
Bohnsack, R. (2003): Die dokumentarische Methode in der Bild- und Fotointerpretation. In: Ehrenspeck, Y./Schäffer, B. (Hg.): Film- und Fotoanalyse in der Erziehungswissenschaft. Ein Handbuch. Opladen: Leske + Budrich, 87-107.
Harms, W. (Hg.) (1985): Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts. Band I: Die Sammlung der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Teil 1: Ethica, Physica. Tübingen: Niemeyer.
Harms, W. (2002): Das illustrierte Flugblatt in Verständigungsprozessen innerhalb der früh-neuzeitlichen Kultur. In: Harms, W./Messerli, A. (Hg.): Wahrnehmungsgeschichte und Wis-sensdiskurs im illustrierten Flugblatt der Frühen Neuzeit (1450-1700). Basel: Schwabe, 11-21.
Heesen, K. te (2011): Das illustrierte Flugblatt als Wissensmedium der Frühen Neuzeit. Opladen & Farmington Hills: Budrich UniPress.
Imdahl, M. (2001): Ikonik. Bilder und ihre Anschauung. In: Boehm, G. (Hg.): Was ist ein Bild? 3. Auflage. München: Wilhelm Fink Verlag [Bild und Text. Hg. v. G. Boehm und K. Stierle], S. 300-324.
Panofsky, E. (1997): Studien zur Ikonologie der Renaissance (Studies in Iconology). 2. Aufla-ge. Köln: DuMont.
Schottenloher, K. (1968): Bücher bewegten die Welt. Eine Kulturgeschichte des Buches. Band 1: Vom Altertum bis zur Renaissance. Stuttgart: Hiersemann.
Wäscher, H. (1955): Das deutsche illustrierte Flugblatt. Von den Anfängen bis zu den Befrei-ungskriegen. Dresden: VEB Verlag der Kunst.


Dr. Kerstin te Heesen
Université du Luxembourg
Kerstin te Heesen, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Luxemburg. Sie wurde mit einer Arbeit zum "Illustrierten Flugblatt als Wissens der Frühen Neuzeit" im Fach Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum promoviert und arbeitete danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und der Universität Augsburg. An der Universität Luxemburg betreut sie seit 2011 ein Forschungsprojekt, das sich unter dem Titel "The Renewal of the Family: Formative Representations in Portraits and Genre Paintings from the 16th to the 19th Century" mit der Visualisierung von Familie und den damit verbundenen Vorstellungen, Wahrnehmungen und Einschätzungen beschäftigt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Historische Bildungsforschung unter besonderer Berücksichtigung von Medien und Objekten, Kulturgeschichte und Visual Studies.
http://wwwde.uni.lu/recherche/flshase/education_culture_cognition_and_society_eccs/people/kerstin_te_heesen




Andreas Josef Vater
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"Ich hab hierinnen auch gemeidet all Figur / Die Räthsel=mässig ist / daß alles bleibe pur / Und bey dem eignen Wort."
Rebusfiguren als Mittel der Sprach- und Bibelerlernung in der Frühen Neuzeit.


In meinem Beitrag möchte ich den pädagogischen Gebrauch von Rebusfiguren in der Frühen Neuzeit näher beleuchten. Rebusfiguren sind uns heute in erster Linie als Bilderrätsel geläufig, in denen etwa anstatt des Wortes arm die Figur eines Arms oder anstatt des Wortes auch die Figur eines Auges verwendet werden. Indem man diese Figuren lesend mit den Mitteln der Sprache übersetzt, gelangt man zu dem gesuchten Wort und in weiterer Folge zur gesuchten Sentenz. In der Frühen Neuzeit waren Rebusfiguren jedoch nicht nur als Bilderrätsel gebräuchlich. Man verwendete sie auch zur Unterrichtung der Jugend. Damit einher geht eine bewusst drastische Reduktion der Möglichkeiten, Figuren einzusetzen, wie aus dem folgenden Zitat ersichtlich wird, das aus dem erstmals 1685 erschienenen Werk Geistliche Herzenseinbildungen des Augsburger Kaufmanns Melchior Mattsperger stammt:

"Ich hab hierinnen auch gemeidet all Figur / Die Räthsel=mässig ist / daß alles bleibe pur / Und bey dem eignen Wort."

Mattsperger verwendet vielmehr Figuren nur für Substantive. Darüber hinaus beschränkt er sich darauf, die Substantive allein durch Figuren zu ersetzen, die auf der Begrifflichkeit der gesuchten Worte und nicht auf deren Mehrdeutigkeit beruhen. Für die Literaturwissenschaftler Wolfgang Neuber und Bettina Bannasch sind die Geistlichen Herzenseinbildungen aufgrund ihrer in Bibelzitate eingefügten Figuren ein Beispiel für die Krise der Mnemonik und Emblematik im späten 17. Jahrhundert. Andererseits spricht Bannasch vage aber auch von einer "tieferen Erkenntnis", die die Rebusfiguren ermöglichen würden. Wie aber ist diese tiefere Erkenntnis dann genau beschaffen? In Mattspergers Werk, das im Zentrum meiner Überlegungen stehen wird, scheinen die Rebusfiguren nicht einfach nur Schriftzeichen zu ersetzen. Sie konstruieren durch das, was sie zeigen, die Begrifflichkeit der gesuchten Worte mit. In der Verschränkung von Figur und Begriff entsteht so ein komplexes Spiel, das Sprach- und Bibelunterricht in einem ist.


Literatur
Bettina Bannasch, Zwischen Jakobsleiter und Eselsbrücke. Das ›bildende Bild‹ im Emblem- und Kinderbilderbuch des 17. und 18. Jahrhunderts (Berliner Mittelalter- und Frühneuzeitforschung, 3), Göttingen 2007.
Klaus Peter Dencker, Optische Poesie. Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart, Berlin/New York 2011.
Wolfgang Neuber, Locus, Lemma, Motto. Entwurf zu einer mnemonistischen Emblematiktheorie, in: Jörg Jochen Berns/Wolfgang Neuber (Hg.), Ars memorativa. Zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Gedächtniskunst 1400-1750 (Frühe Neuzeit, Studien und Dokumente zur deutschen Literatur und Kultur im europäischen Kontext, 15), Tübingen 1993, S. 351-372.
Christine Reents/Christoph Melchior, Die Geschichte der Kinder- und Schulbibel. Evangelisch-Katholisch-Jüdisch, Göttingen 2011.
Eva-Maria Schenck, Das Bilderrätsel, Hildesheim/New York 1973.


Andreas Josef Vater
Doktorand am Institut für Kunstgeschichte der Freien Universität Berlin

Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie in Wien, Basel und Rom. Seit 2010: Promotion am Institut für Kunstgeschichte der Freien Universität Berlin sowie am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris (Titel der Dissertation: "Spielen avant la lettre. Der Rebus in der Frühen Neuzeit")
Forschungsinteressen:
Theorie der Bilderschrift, Theorie und Geschichte des Rätsels, Bildkritik in den Schrifttheorien
Ausstellung:
"Mit Worten malen. Mit Bildern schreiben: Figurengedichte, Permutationen, Bilderrätsel, Bilderschriften", Universitätsbibliothek Wien, 3. Juni 2009 - 31. Juli 2009
Publikationen:
Näher, aber nicht größer. Das Rätselbild in den Frauenzimmer Gesprächspielen Georg Philipp Harsdörffers, in: Andreas Wolfsteiner/Markus Rautzenberg (Hg.), Trial and Error. Szenarien medialen Handelns, Paderborn 2014, S. 269-279.
Textlücken oder Bildfolge. Zwei illustrierte Flugblätter von 1621 - Ein Thema, zwei Bildkonzepte?, in: Lena Bader/Georges Didi-Huberman/Johannes Grave (Hg.), Sprechen über Bilder - Sprechen in Bildern. Studien zum Wechselverhältnis von Bild und Sprache, Berlin/München 2014 (im Druck).

http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/schriftbildlichkeit/mitglieder/doktoranden/vater/